
Deutschland lockert Sonntagsfahrverbote für Lkw – Niedrigwasser legt Binnenschifffahrt lahm, spaltet die Grünen und zieht Kritik von Umweltschützern auf sich
Niedrige Wasserstände auf Deutschlands Flüssen legen die Binnenschifffahrt lahm. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger setzte daraufhin die Sonn- und Feiertagsfahrverbote für Lkw aus. Vier Bundesländer setzten die Lockerung um – unter Spaltung der Grünen und Protest von Umweltverbänden und der Linken.
Niedrigwasser legt Binnenschifffahrt lahm
Anhaltend niedrige Wasserstände auf Deutschlands großen Flüssen zwingen Frachtschiffe, nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung zu transportieren, was die Lieferketten gefährdet. Am Donnerstag kündigte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) nach einer Niedrigwasser-Konferenz mit Unternehmen und Verbänden in Bonn sofortige Maßnahmen an, darunter mögliche Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw, weniger vermeidbare Baustellenunterbrechungen und zusätzliche Schienengüterverkehrskapazitäten. Zu den mittel- und langfristigen Maßnahmen gehören der Ausbau von Wasserstraßen und die Anpassung von Schiffen an Niedrigwasserbedingungen.
Bundesländer lockern Lkw-Fahrverbote
Am Freitag setzte das grün geführte Verkehrsministerium in Nordrhein-Westfalen das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw vorübergehend aus. Während der Sommerferien dürfen Lkw dort auch samstags fahren. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte, die Ausnahme sichere die Lieferketten und vermeide Engpässe. Auch Rheinland-Pfalz, das Saarland und Niedersachsen setzten das Fahrverbot für bestimmte Lkw an Sonn- und Feiertagen vorübergehend aus, um die Regeln länderübergreifend zu harmonisieren und Ersatzverkehre auf der Straße zu erleichtern.
Grüne gespalten, Linke lehnt ab
Die Reaktion der Grünen war gespalten. Klimapolitik-Sprecherin Lisa Badum sagte dem Tagesspiegel, die Regierung doktere an Symptomen herum und es sei falsch, noch mehr Lkw auf die Straßen zu schicken. Stattdessen forderte sie intakte Flüsse und eine hitzeresistente Bahn.
Pünktlich im Sommer versucht die Bundesregierung, an Symptomen herumzudoktern. Lkw nun noch mehr auf die Straßen zu schicken, ist falsch.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andreas Audretsch bezeichnete die Maßnahmen als verständlich und sagte, die Notwendigkeit, Lieferengpässe zu vermeiden, zeige, dass der wirtschaftliche Schaden der Klimakrise bereits enorm sei. Er warf Kanzler Friedrich Merz (CDU) „notorische Realitätsverweigerung“ vor, da dieser kein Wort über Hitzetote, Wasserstände oder Versorgungsengpässe verliere. Die Linke lehnte die Lockerung rundweg ab. Parteivorsitzender Luigi Pantisano sagte, die Regierung reagiere „viel zu spät“ und warf der Union vor, die Krise als Vorwand zu nutzen, um das Sonntagsfahrverbot zu schwächen. Die Linke legte einen Fünf-Punkte-Plan vor, der Schwammlandschaften in Flusseinzugsgebieten, ein öffentliches Wasserregister und stärkere Sicherungen der öffentlichen Wasserversorgung fordert.
Wirtschaft begrüßt, Umweltschützer verurteilen
Der BDI-Branchenverband begrüßte den Schritt. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Holger Lösch sagte der Rheinischen Post, die Regierung demonstriere Handlungsfähigkeit in der aktuellen Extremsituation. Die Verlagerung von Gütern auf Schiene und Straße könne Auswirkungen abmildern und Lieferketten stabilisieren. Er warnte jedoch, dass die Verlagerung die fehlende Wasserstraßenkapazität nicht vollständig ausgleichen könne, und forderte höhere Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur, schnellere Planungsverfahren und Unterstützung für niedrigwasseroptimierte Schiffe.
BUND-Vorsitzender Olaf Bandt kritisierte die Lockerung scharf und sagte der Rheinischen Post, es sei keine Lösung, den Schiffsverkehr durch Hunderte oder Tausende Lkw-Fahrten zu ersetzen, die Menschen und Klima belasteten.
Die Regierung hat nicht verstanden, dass niedrige Flusspegel ein Symptom der Klimakrise sind. Mit der Ausbaggerung von Flussbetten oder mehr Lkw auf den Autobahnen lässt sich das Problem nicht lösen.
Bandt forderte intakte Flusslandschaften zur Wasserrückhaltung und sagte, die Binnenschifffahrt müsse sich den Flüssen anpassen, nicht umgekehrt. Er verlangte zudem, die Schieneninfrastruktur zu stärken, um künftig Engpässe in der Binnenschifffahrt besser abzufedern.


