
Schweizer Atomkraftwerk könnte bis zu 43 Milliarden Franken kosten, wie eine Studie zeigt
Eine Studie der Schweizer Akademien der Künste und Wissenschaften berechnet die Baukosten eines neuen Kernreaktors auf 14 bis 43 Milliarden Schweizer Franken, was eine massive staatliche Unterstützung erfordert.
Abweichung von früheren Kostenprognosen
Die Schweizer Akademien der Künste und Wissenschaften haben eine Bewertung veröffentlicht, die den Kapitalbedarf und die finanziellen Risiken des Baus eines neuen Kernkraftwerks in der Schweiz untersucht. Der Bericht erscheint vor einer nationalen Volksabstimmung im nächsten Jahr über die Aufhebung des gesetzlichen Verbots von Neubauten. Frühere von der Industrie und Forschungseinrichtungen verbreitete Zahlen deuteten auf deutlich niedrigere Kosten hin. Der Energieversorger Axpo schätzte die Projektkosten auf rund 10 Milliarden Schweizer Franken, während der Forscher des Paul Scherrer Instituts, Andreas Pautz, in der Neuen Zürcher Zeitung 8 bis 10 Milliarden Franken für eine Anlage mit der Leistung des Gösgen-Kraftwerks veranschlagte. Auch Forscher der ETH nannten Szenarien um 8 Milliarden Franken, unter der Annahme, dass die Baukosten für Kernkraftwerke bei mehrfachen Bauten sinken. Die Akademien prognostizieren eine wesentlich höhere Gesamtsumme und berechnen eine Spanne zwischen 14 und 43 Milliarden Franken, wobei Worst-Case-Szenarien bis zu 45 Milliarden Franken erreichen.
Kapitalfinanzierung und Risikoexposition des Staates
Ein Hauptgrund für die höhere Berechnung ist die Einbeziehung der Finanzierungskosten für das investierte Kapital während einer viele Jahre dauernden Bauphase, ein Element, das in früheren Schätzungen weitgehend ausgeschlossen wurde. Die Kapitalfinanzierungskosten schlagen mit 20 % bis 30 % auf die endgültige Baurechnung auf, während der Bau selbst etwa 70 % der gesamten Lebensdauerkosten einer Anlage ausmacht. Urs Neu, Leiter der Energiekommission der Schweizer Akademien der Künste und Wissenschaften, stellte fest, dass die internationale Erfahrung zeigt, dass private Investoren Kernkraftwerke nicht mehr ohne umfassende staatliche Absicherung zur Übernahme von Verbindlichkeiten finanzieren.
Ein Neubau wäre nur mit erheblicher staatlicher Unterstützung finanzierbar.
Die Studie berechnete, dass allein das Risiko von Kostenüberschreitungen im zweistelligen Milliardenbereich liegt. Unter den aktuellen Marktbedingungen würde dieses Risiko vollständig auf den Bund fallen.
Optionen für Reaktorhersteller und Kostenmodelle
Der Bericht bewertete aktuelle Bauprojekte in Europa und den Vereinigten Staaten und kam zu dem Schluss, dass nur zwei Anbieter für eine Inbetriebnahme bis 2050 in Frage kommen: das amerikanische Unternehmen Westinghouse und der französische Hersteller EDF/Framatome. Geopolitische Erwägungen schließen russische und chinesische Staatsunternehmen aus, während südkoreanische und japanische Anbieter wahrscheinlich keine Angebote für eine bis Mitte der 2030er Jahre erforderliche Entscheidung abgeben.
- Westinghouse (Branchenziel)
- 14 Mrd. CHF
- Westinghouse (historischer Trend)
- 25 Mrd. CHF
- EDF/Framatome (Branchenziel)
- 21 Mrd. CHF
- EDF/Framatome (historischer Trend)
- 43 Mrd. CHF
Für einen Westinghouse-Reaktor mit einer Leistung von 1.250 Megawatt (vergleichbar mit der Größe des Schweizer Kraftwerks Leibstadt) reichen die gesamten Baukosten von 14 Milliarden Franken (Branchenziel) bis 25 Milliarden Franken, falls sich die Kostentrends früherer Projekte wiederholen. Ein größerer Reaktor von EDF/Framatome mit 1.630 Megawatt reicht von 21 Milliarden Franken in einem optimistischen Szenario bis zu 43 Milliarden Franken auf der Grundlage historischer Kostensteigerungen bei Projekten.
Die beobachteten Kosten sind von Kraftwerk zu Kraftwerk gestiegen. Die Branche hingegen erwartet sinkende Kosten von Kraftwerk zu Kraftwerk.
Politische Debatte und Projektzeitplan
Der Bericht folgt auf die Debatte während der Sommersession des Bundeshauses, in der der Nationalrat zunächst die Bemühungen von Umweltminister Albert Rösti, das Bauverbot aufzuheben, ablehnte. Die Abgeordneten forderten Klarheit über die Finanzierung der Kernenergie, bevor sie die Gesetzgebung vorantreiben, und veranlassten Rösti, einen eigenen Regierungsbericht zuzusagen.
- Ausschreibungsverfahren für Reaktorkandidaten wird eröffnet
- Endgültige Auswahl des Reaktorherstellers
- Baubeginn auf dem Gelände
- Zieltermin für die Inbetriebnahme des Kraftwerks
Die Inbetriebnahme eines fertigen Kraftwerks bis 2050 gibt einen engen Zeitrahmen vor. Eine Ausschreibung muss bis Anfang der 2030er Jahre eröffnet werden, gefolgt von einer endgültigen Auswahl des Herstellers bis Mitte der 2030er Jahre. Mit den Vorarbeiten und dem Bau muss um 2040 begonnen werden. Die bevorstehende Volksabstimmung wird entscheiden, ob der rechtliche Rahmen irgendwelche vorbereitenden Schritte zulässt.

