Deutsche Ökonomen halten 34-Punkte-Reformpaket der Koalition für unzureichend, um die stagnierende Wirtschaft wiederzubeleben
Führende Forschungsinstitute warnen, dass die von der CDU/CSU-SPD-Koalition vereinbarten Steuersenkungen und Deregulierungen nicht ausreichen werden, um die größte Volkswirtschaft Europas aus einer dreijährigen Stagnation zu befreien.
Das 34-Punkte-Reformpaket der Bundesregierung, das in nächtlichen Verhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD am 2. Juli ausgehandelt wurde, stieß bei den führenden Wirtschaftsinstituten des Landes auf scharfe Kritik. Sie bezeichneten es allenfalls als ersten Schritt und forderten tiefgreifendere Strukturreformen.
Ökonomen fordern mehr Ambitionen
DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagte, das Paket sei nicht mehr als ein erster Schritt, um die nationale Denkweise zu verändern.
Er nannte drei Prioritäten: eine große öffentliche und private Investitionsoffensive, eine grundlegende Steuerreform, die kleine und mittlere Einkommen sowie Unternehmen deutlich entlastet, und eine vertiefte europäische Integration, um das zu kontern, was er aggressive und nationalistische Hegemonialmächte in den USA und China nannte.Die schweren Reformen, die den Abbau von Besitzständen beinhalten, müssen nun folgen.
Ifo-Präsident Clemens Fuest bezeichnete das Paket als wichtigen Beitrag, identifizierte aber das Fehlen einer Ausgabenkonsolidierung als größten Mangel.
Er begrüßte das geplante Verbot von Wohnungsenteignungen und die Arbeitsmarktflexibilisierung, warnte aber, dass die Einkommensteuerreform mittelständische Personengesellschaften mit einem Spitzensatz inklusive Solidaritätszuschlag von knapp unter 50 Prozent belasten würde.Die größte Schwäche des Reformpakets ist, dass Maßnahmen zur Konsolidierung der Staatsausgaben fehlen.
ZEW-Präsident Achim Wambach erkannte positive Effekte an, betonte aber, dass hohe Energiekosten, übermäßige Bürokratie und Fachkräftemangel die Unternehmen weiterhin bremsen.
Um Deutschland wieder an die Spitze als Investitionsstandort zu bringen, werden weitere Schritte nötig sein.
Was das Paket enthält
Die Koalition einigte sich auf Steuerentlastungen in Höhe von 10 Milliarden Euro pro Jahr, die ab dem 1. Januar 2027 in Kraft treten sollen. Die Reform erhöht den Grundfreibetrag, erhöht das Kindergeld und zielt darauf ab, kleine und mittlere Einkommen zu entlasten. Finanzminister Lars Klingbeil sagte, eine Familie mit zwei berufstätigen Eltern könne bis zu 600 Euro pro Jahr mehr haben. Das Paket enthält auch Maßnahmen zum Bürokratieabbau, zur Verschärfung der Regeln für Krankschreibungen und zum Verbot der Enteignung von Wohneigentum.
Geringverdiener und Opposition wehren sich
Der Linken-Politiker Dietmar Bartsch argumentierte, dass Millionen von Geringverdienern keinen Nutzen sehen würden, da sie bereits unterhalb der Steuerfreigrenze lägen. Er berief sich auf Daten des Statistischen Bundesamtes, wonach es im Jahr 2022 4,58 Millionen Steuerfälle gab, bei denen keine Lohnsteuer erhoben wurde, darunter allein über eine Million in Nordrhein-Westfalen.
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht wies die Steuerreform als „Hohn für das Volk“ zurück und wies darauf hin, dass 312 Euro der versprochenen 600 Euro Entlastung aus der Kindergelderhöhung stammten, die sie als überfällige Familienleistung und nicht als Steuersenkung bezeichnete.
Die Steuerreform ist ein Hohn für das Volk.
Wahlrecht auf später verschoben
Ein wichtiger Punkt, der im Paket fehlt, ist die Wahlreform. Die CSU möchte zum alten System zurückkehren, damit alle Wahlkreisgewinner in den Bundestag einziehen – 23 schafften das bei der letzten Wahl nicht. Die SPD besteht darauf, jede Änderung an die Geschlechterparität auf den Kandidatenlisten zu koppeln. Innenminister Alexander Dobrindt versuchte, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen, aber die SPD-Verhandler konterten mit der Forderung nach einer Reform der Schuldenbremse, was die Union ablehnt. Kanzler Merz sagte, eine Entscheidung müsse bis zum Frühjahr 2027 fallen.
- Koalitionsausschuss einigt sich auf 34-Punkte-Reformpaket
- Einkommensteuerreform und höheres Kindergeld treten in Kraft
- Frist für Entscheidung über Wahlrechtsreform (Frühjahr 2027)
Politische Einordnung
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte dem ZDF, die Regierung wolle beweisen, dass sie handlungsfähig sei. SPD-Chef Klingbeil warnte vor „Kleinkriegen“ und forderte die Koalition auf, das Paket durchzubringen. Beide Parteien hätten sich mehr gewünscht – die SPD eine größere Steuersenkung, die Union eine tiefere Arbeitsmarktflexibilisierung –, der endgültige Text spiegelt jedoch einen Kompromiss wider, der nach Ansicht der Institute die strukturellen Schwächen der deutschen Wirtschaft weitgehend unberührt lässt.


