
WA bestreitet angeblichen russischen Spionageknotenpunkt, plant engere Geheimdienstkoordination
Eine Untersuchung der New York Times hat ergeben, dass Dutzende aus Europa ausgewiesene russische Geheimdienstmitarbeiter nun in Japan aktiv sind, schwache Spionagegesetze ausnutzen und Moskaus Kriegsanstrengungen in der Ukraine unterstützen.
Ein ‚Spionagenest‘ in Tokio
Am 12. Juli veröffentlichte die New York Times eine Untersuchung, die Japan als Drehscheibe für russische Geheimdienstaktivitäten beschreibt und es ein „Spionagenest“ nennt. Der Bericht, der sich auf aktuelle und ehemalige Beamte aus fünf westlichen Geheimdiensten stützt, schildert detailliert, wie Dutzende russische Agenten, die nach der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 aus europäischen Hauptstädten ausgewiesen wurden, nach Japan umgesiedelt sind. Diese Agenten sollen unter diplomatischer und geschäftlicher Tarnung operieren und dabei die florierende Hightech-Industrie sowie die nach Einschätzung der Untersuchung bemerkenswert schwache Spionagegesetzgebung ausnutzen.
Wir haben ein Krisengefühl angesichts dieser Situation.
Das Aeroflot-Büro und die 20. Direktion
Als Nervenzentrum der Operation gilt das Tokioter Büro der russischen Staatsfluggesellschaft Aeroflot im 22. Stock eines Gebäudes im Bezirk Toranomon. Der Mann, der als Leiter der Operation identifiziert wurde, ist Maksim Vladimirovitch Filchenkov, ein 49-Jähriger, der offiziell für die Fluggesellschaft arbeitet. Vier westliche Geheimdienste teilten der Zeitung mit, dass Filchenkov ein erfahrener Offizier der GRU, des militärischen Geheimdienstes Russlands, sei, der im Februar 2024 in Tokio eingetroffen sei. Er soll die Aktivitäten der „20. Direktion“ überwachen, einer geheimen GRU-Einheit, die damit beauftragt ist, Technologie im Ausland für den russischen Militäreinsatz zu beschaffen.
Beschaffung und Sanktionsumgehung
Die Hauptaufgabe des Netzwerks besteht darin, Komponenten mit zivilen und militärischen Anwendungen zu beschaffen, darunter Mikrochips, Sender, Werkzeugmaschinen und elektronische Teile, und sie nach Russland zu verschiffen. Der Times-Bericht zitiert Schätzungen der ukrainischen Regierung, wonach 90 % der russischen Raketen und Drohnen japanische Komponenten enthalten. Da Direktexporte nach Russland aufgrund der von Tokio verhängten Sanktionen eingeschränkt sind, sind die Beschaffungsnetzwerke auf Zwischenfirmen und Drittländer wie Vietnam, Usbekistan und Sri Lanka angewiesen, um die Waren zu transportieren.
Tokios offizielle Reaktion
Der Chefregierungssprecher Minoru Kihara äußerte sich am 14. Juli während einer regulären Pressekonferenz zu dem Bericht. Während er eine direkte Stellungnahme zu dem Artikel der New York Times ablehnte, räumte er einen zunehmenden Bedarf ein, der ausländischen Geheimdienstbeschaffung von kritischen Informationen entgegenzuwirken, die die nationale Sicherheit bedrohen könnten. Kihara sagte, Tokio müsse das Problem mit „noch größerer Strenge“ angehen. Er fügte hinzu, dass das japanische Parlament bereits Anfang 2026 ein Gesetz verabschiedet habe, das den Weg für eine neue nationale Behörde ebnet, die die derzeit fragmentierten Geheimdienstoperationen des Landes koordinieren soll.
Wir erkennen an, dass in einem sich schnell verändernden Sicherheitsumfeld ein wachsender Bedarf besteht, ausländischen Geheimdienstaktivitäten entgegenzuwirken, wie etwa der Beschaffung kritischer Informationen, die Japans nationale Sicherheit bedrohen.
Rechtsvakuum und geopolitischer Hintergrund
Japan verfügt weder über ein eigenständiges Spionagegesetz noch über einen Auslandsgeheimdienst, der mit der CIA oder dem MI6 vergleichbar wäre – eine Situation, die die Times und andere Publikationen teilweise auf die Beschränkungen nach dem Zweiten Weltkrieg zurückführen. Diese Lücke, kombiniert mit der Position des Landes als führender Produzent von Dual-Use-Technologie, hat es Moskau laut der Untersuchung ermöglicht, Japan zu einem entscheidenden Knotenpunkt für die Aufrechterhaltung seiner Kriegsanstrengungen zu machen. Der breitere geopolitische Kontext zeigt Japan als einen der prominentesten Unterstützer der Ukraine in Ostasien, das rund 20 Milliarden Dollar an Finanzhilfe bereitgestellt und in einer außergewöhnlichen Einwanderungsmaßnahme fast 2.000 ukrainische Flüchtlinge aufgenommen hat. Der frühere Premierminister Fumio Kishida hatte zuvor einen Parallel zwischen der russischen Invasion und einer möglichen zukünftigen chinesischen Annexion Taiwans gezogen und erklärt: „Die Ukraine von heute könnte das Ostasien von morgen sein.“
- Beginn der groß angelegten russischen Invasion der Ukraine; westliche Länder weisen Hunderte russischer Spione aus
- Fumio Kishida zieht Parallele zwischen der russischen Invasion und einer möglichen Annexion Taiwans durch China
- Maksim Vladimirovitch Filchenkov, mutmaßlicher GRU-Offizier, trifft unter Aeroflot-Tarnung in Tokio ein
- Das japanische Parlament verabschiedet ein Gesetz für eine neue nationale Behörde zur Koordinierung der fragmentierten Geheimdienstaktivitäten
- New York Times veröffentlicht Untersuchung, die Japan als russisches ‚Spionagenest‘ und Beschaffungsdrehscheibe bezeichnet
Was als Nächstes kommt
Der Bericht hat die Überprüfung der Spionageabwehrhaltung Japans erneuert. Während Kiharas Eingeständnis eine gewisse Offenheit für Reformen signalisiert, bleibt der Zeitplan für die Schaffung des neuen nationalen Geheimdienstkoordinierungsgremiums vage und seine operativen Befugnisse sind unklar. In der Zwischenzeit beschrieben westliche Beamte, die von der Times zitiert wurden, die auf Tokio konzentrierte russische Operation als andauernd und spiele eine „entscheidende Rolle“ bei der Versorgung mit Material für den Krieg in der Ukraine.


