
Grindeanu schlägt parlamentarische Krisenkommission vor – Rumäniens Übergangsregierung stellt mit 76 Tagen Rekord auf
PSD-Chef Sorin Grindeanu sagt, das Land sei ohne eine voll handlungsfähige Regierung gelähmt, und fordert die dringende Verabschiedung von PNRR-Gesetzen im Wert von 5 Milliarden Euro, während er das aktuelle Gehaltsgesetz ablehnt.
Politischer Stillstand
Rumänien ist seit 76 Tagen ohne eine voll handlungsfähige Regierung – die längste Übergangszeit seit der Revolution von 1989. Der bisherige Rekord lag bei 71 Tagen unter Emil Boc im Jahr 2009. Die aktuelle Situation begann, als PSD und AUR einen Misstrauensantrag gegen Ministerpräsident Ilie Bolojan durchsetzten. Seitdem kann die Regierung nur noch Routineangelegenheiten erledigen, keine Notverordnungen erlassen oder die Verantwortung für Gesetze übernehmen. Am 20. Juli erklärte PSD-Chef Sorin Grindeanu, „Rumänien ist unregiert“ und die staatlichen Institutionen seien „gelähmt“. Er beschuldigte PNL und USR, eine „Blockademinderheit“ zu bilden, die das Land in Geiselhaft halte.
Rumänien ist unregiert. Die staatlichen Institutionen sind wegen dieser Regierungskrise gelähmt.
Grindeanu schlug eine „Krisenkommission“ im Parlament vor, um dringende Änderungsentwürfe auszuarbeiten und das Funktionieren des Staates zu entblocken. Er argumentierte, die Kommission könne so lange arbeiten, bis eine neue Regierung mit voller Handlungsfähigkeit eingesetzt sei, und ihre Vorschläge würden in einer außerordentlichen Sitzung abgestimmt. Kritiker, darunter die Zeitung Adevărul, nannten die Idee unrealistisch und nicht in der Verfassung verankert, da die bestehenden Parlamentsausschüsse bereits diese Rolle hätten.
PNRR-Gesetze und EU-Mittel
Auf dem Spiel stehen sechs Gesetzesmeilensteine im Rahmen des Nationalen Aufbau- und Resilienzplans (PNRR) Rumäniens im Gesamtwert von 5 Milliarden Euro. Nur vier der sechs Gesetze wurden dem Parlament vorgelegt; das Gehaltsgesetz und das Integritätsgesetz fehlen noch. Grindeanu skizzierte die Position der PSD zu den vier eingereichten Texten: Die Partei unterstütze die Änderung des Verwaltungsgesetzbuchs, das Leistungsprämiensystem für ANAF und Zoll sowie das Dekarbonisierungsgesetz (mit Änderungen von PSD und UDMR). Sie unterstütze auch das Stadtgesetzbuch, allerdings mit einer Bedingung: Die Übertragung der Baugenehmigungen für Bukarest an den Oberbürgermeister soll erst ab der nächsten Wahlperiode wirksam werden, nicht jetzt, da der amtierende Bürgermeister Ciprian Ciucu von der DNA wegen angeblicher Bestechlichkeit bei der Ausstellung von Genehmigungen ermittelt wird.
Wir sind nicht bereit, diesen Schritt jetzt zu unterstützen, wo der Generalbürgermeister ein Mann ist, der von der DNA gerade wegen angeblicher Bestechlichkeit für die Ausstellung von Genehmigungen ermittelt wird.
Die vier Gesetze zusammen erschließen über 3 Milliarden Euro, so Grindeanu, Geld, das in Autobahnen, Krankenhäuser und Schulen fließen könnte. Die beiden restlichen Gesetze gefährden bei Nichtverabschiedung das gesamte 5-Milliarden-Paket.
Gehaltsgesetz und Gewerkschaftsverhandlungen
Das Gehaltsgesetz für den öffentlichen Dienst ist das umstrittenste. Grindeanu erklärte, die PSD „könne kein Gesetz unterstützen, das allen missfällt und Lehrern, Ärzten und dem Militär Geld kürzt“. Der frühere Arbeitsminister Florin Manole habe die Gespräche mit den Gewerkschaften abgeschlossen, und die PSD arbeite mit ihnen an substanziellen Änderungen, um das Gesetz gerechter zu gestalten und gleichzeitig den Haushaltsrahmen einzuhalten. Der aktuelle Entwurf sei inakzeptabel.
Es kommt für die PSD nicht in Frage, diese Version zu unterstützen. Ich wiederhole: nicht in Frage.
Haushaltspolitischer Hintergrund
Der politische Stillstand spielt sich vor einem angespannten haushaltspolitischen Hintergrund ab. Laut Adevărul stehen Rumänien allein im Jahr 2026 Zinszahlungen in Höhe von 12 Milliarden Euro bevor, plus fällige Schuldenrückzahlungen in Höhe von schätzungsweise 30–40 Milliarden Euro, bei einem Gesamthaushalt von 120 Milliarden Euro. Die Staatsverschuldung hat 60 % des BIP überschritten und liegt bei rund 230 Milliarden Euro. Die Zeitung argumentierte, jede Debatte über das Gehaltsgesetz müsse von Folgenabschätzungen und der Frage ausgehen, woher das Geld kommen solle – ein Punkt, der in den öffentlichen Äußerungen der PSD fehle.
- Staatsverschuldung
- 230 Mrd. €
- Jährliche Zinszahlungen 2026
- 12 Mrd. €
- Gesamthaushalt 2026
- 120 Mrd. €
Was als Nächstes kommt
Grindeanu sagte, er werde weiter daran arbeiten, eine parlamentarische Mehrheit unter Ausschluss extremistischer Stimmen zu bilden, räumte aber ein, dass sich ohne zusätzlichen Willen aller Seiten bis September nichts ändern werde. Der Bukarester Bürgermeister Ciprian Ciucu stimmte zwar der verspäteten Übertragung der Genehmigungsbefugnisse zu, bemerkte aber, dass er bei einer sofortigen Übertragung nichts anderes tun würde, als Dokumente ungelesen zu unterschreiben. Nicușor Dan, eine weitere politische Figur, warnte, dass die Situation ohne zusätzliche Flexibilität eingefroren bleibe. Die Gefahr des Verlusts von EU-Mitteln droht, da das Parlament in der Sommerpause ist und unklar ist, ob rechtzeitig eine außerordentliche Sitzung einberufen werden kann, um die sechs Gesetze zu beraten und zu verabschieden.
