
FAZ zieht Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten zurück, nachdem KI-Prüfung unbelegbare Zitate findet; Voigt-Lager hält KI-Einsatz für 2026er Realität
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt zurückgezogen, nachdem eine Untersuchung des Portals FragDenStaat wahrscheinlich KI-generierte Inhalte und nicht verifizierbare Expertenzitate aufgedeckt hatte. Voigts Büro erklärt, der Einsatz von KI sei im Jahr 2026 Routine.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt zurückgezogen, nachdem das Transparenzportal FragDenStaat wahrscheinlich KI-generierte Passagen und nicht verifizierbare Zitate von Experten gefunden hatte.
Die Untersuchung von FragDenStaat
Mit den Erkennungstools Pangram und GPTZero analysierte FragDenStaat 11 Reden und Artikel Voigts. Pangram identifizierte einen KI-Anteil von über 50 Prozent in neun von ihnen, wobei drei Texte als vollständig maschinell generiert eingestuft wurden. Unter den vier untersuchten Zeitungsbeiträgen schrieb das Programm drei einen 100-prozentigen KI-Anteil zu. Das Portal überprüfte auch eine Rede, die Voigt am 29. Januar 2025 zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hielt; sowohl Pangram als auch GPTZero deuteten darauf hin, dass sie mit hoher Sicherheit von KI generiert worden sei. Auch eine Neujahrsansprache und eine Trauerrede gehörten zu dem Material, das verdächtige Ergebnisse lieferte.
In dem FAZ-Gastbeitrag mit dem Titel „Smartphone 14, Social Media 16“, der am 13. August 2025 veröffentlicht wurde, plädierte Voigt dafür, dass Kinder unter 14 Jahren kein Smartphone besitzen und der Zugang zu sozialen Medien auf 16-Jährige und Ältere beschränkt sein sollte. Er forderte ein Smartphone-Verbot in Schulen und ein eigenständiges Schulfach für digitale Kompetenz. Der Artikel enthielt direkte Zitate des Psychologen Jonathan Haidt, des Neurobiologen Gerald Hüther und des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer. FragDenStaat konnte die Zitate nicht verifizieren; Spitzer selbst sagte dem Portal, er glaube nicht, dass er den ihm zugeschriebenen Satz in dieser genauen Form geschrieben habe.
Die Reaktion der FAZ
Am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, teilte die FAZ mit, sie habe den Beitrag zurückgezogen und aus ihrem Archiv entfernt. Die KI-Richtlinien der Zeitung besagen, dass sie keine Originalbeiträge mit maschinell generiertem Text veröffentlichen wird, es sei denn, die Tatsache der Generierung ist der Kern der Geschichte und wird offengelegt. „Bei Gastbeiträgen verlassen wir uns darauf, dass sie von Menschen verfasst wurden und dass direkte und indirekte Zitate korrekt sind“, erklärte die FAZ. Sie habe die Thüringer Staatskanzlei gefragt, ob der Artikel KI-generiert sei und ob die wörtlichen Zitate korrekt seien. Nach Angaben der Zeitung antwortete die Staatskanzlei nur mit „allgemeinen Hinweisen“. Die FAZ erachtete dies als unzureichend und zog den Artikel zurück.
- Voigt veröffentlicht Gastbeitrag 'Smartphone 14, Social Media 16' in der FAZ und fordert Social-Media-Beschränkungen für unter 16-Jährige.
- FAZ entfernt den Gastbeitrag nach FragDenStaat-Untersuchung und unbefriedigender Antwort der Thüringer Staatskanzlei.
Voigt und die Staatskanzlei
Auf den KI-Einsatz angesprochen, sagte Voigt der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel, dass Reden von seinem Büro vorbereitet würden und dass er, wenn eine Passage mit KI-Hilfe geschrieben worden sei, „niemandem den Kopf abreißen“ würde. Er sehe sich als Befürworter moderner Werkzeuge und ermutige die Mitarbeiter des Landes, sie zu nutzen. Ein Sprecher der Staatskanzlei bestätigte, dass das Büro KI „in unterstützender Funktion für die Erstellung von Reden, Texten und Beiträgen“ einsetze, und fügte hinzu, dass es keine allgemeine Kennzeichnungspflicht für mit KI erstellte oder unterstützte Texte gebe. Dieselbe Sprecherin wies die Aufregung zurück: „Ich kann die Aufregung nicht verstehen. Wir schreiben das Jahr 2026.“ Sie argumentierte, dass es darauf ankomme, wer die Verantwortung für den Inhalt trage.
Plagiats-Hintergrund
Der Streit über den KI-Einsatz kommt zu früheren Glaubwürdigkeitsfragen für Voigt hinzu. Die Technische Universität Chemnitz überprüfte seine Doktorarbeit und entzog ihm daraufhin den Doktortitel. Voigt hat dagegen Widerspruch eingelegt und beabsichtigt, den Fall gegebenenfalls vor ein Verwaltungsgericht zu bringen.
