
Berliner CDU kürt Finanzsenator Stefan Evers zum Spitzenkandidaten nach Wegner-Rückzug
Der Landesvorstand der Berliner CDU hat Finanzsenator Stefan Evers einstimmig zum Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September gewählt, nachdem sich Regierender Bürgermeister Kai Wegner aufgrund eines monatelangen Streits über sein Krisenmanagement während eines Stromausfalls im Januar zurückgezogen hatte.
Wegner zieht sich nach Blackout-Kontroverse zurück
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner trat am Montag als Spitzenkandidat der CDU zurück – ein Schritt, der nach seinen Angaben verhindern sollte, dass die Partei durch Personaldebatten vor der Landtagswahl am 20. September geschwächt wird. Der Rückzug folgt auf monatelange Überprüfungen widersprüchlicher Aussagen Wegners zu seinem Verhalten während eines Stromausfalls, der nach einem Brandanschlag auf die Stromversorgung der Hauptstadt am 3. Januar begann. Auf seinem Höhepunkt waren 100.000 Menschen tagelang ohne Strom. Wegner behauptete zunächst, er habe bereits um 8:08 Uhr am ersten Tag des Blackouts Krisenanrufe getätigt, doch seine Senatskanzlei gab später nach einem Eilantrag der Zeitung Tagesspiegel zu, dass vor 12:45 Uhr keine offiziellen Anrufe zum Stromausfall getätigt wurden. In diesem Zeitfenster, wie sich herausstellte, hatte er Tennis gespielt.
Ich habe tatsächlich um 8:08 Uhr mit den Anrufen begonnen. Ich sprach mit den Krisenstäben, mit dem Stromnetz.
Evers übernimmt die Spitzenrolle
Die Kreisvorsitzenden der CDU schlugen Stefan Evers am Freitag für die Spitzenkandidatur vor, und der Landesvorstand bestätigte den 46-Jährigen am späten Montagnachmittag einstimmig. Evers übernimmt auch die Parteiführung als kommissarischer Landesvorsitzender, gab die Berliner CDU via X bekannt. Derzeit Stellvertreter des Regierungschefs (ein in Berlin als Bürgermeister bezeichneter Posten), ist Evers auch Finanzsenator und seit dem Rücktritt der parteilosen Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson Ende April auch für das Kulturressort zuständig.
Ich habe den Ruf, fachlich kompetent zu sein, mich in Themen zu vertiefen, schnell zu denken und oft schnell zu sprechen.
Der steile Weg zum 20. September
Evers erbt eine schwierige Situation. Nur gut zwei Monate vor dem Wahltag ist die CDU in aktuellen Umfragen auf den vierten Platz abgerutscht. Eine Infratest-dimap-Umfrage Anfang Juli sah die Partei bei 17 Prozent, hinter der Linken, den Grünen und der AfD. Die derzeitige Regierungskoalition aus CDU und SPD käme nur auf 30 Prozent, weit entfernt von einer Mehrheit. Evers, Jurist, studierte an der Universität Potsdam und arbeitete als Mitarbeiter von CDU-Bundestagsabgeordneten, ist seit 2011 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Er war bis 2018 stellvertretender Fraktionsvorsitzender, bis 2023 parlamentarischer Geschäftsführer und von Dezember 2016 bis Herbst 2023 Generalsekretär der Landespartei.
- Brandanschlag auf die Berliner Stromversorgung; 100.000 Menschen verlieren tagelang den Strom.
- Wegners Senatskanzlei gibt später zu, dass vor diesem Zeitpunkt keine offiziellen Krisenanrufe getätigt wurden.
- Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson tritt zurück; Evers übernimmt das Kulturressort.
- CDU-Kreisvorsitzende schlagen Stefan Evers als Spitzenkandidaten vor.
- Kai Wegner zieht sich als CDU-Spitzenkandidat zurück; Landesvorstand wählt Evers einstimmig.
- Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.
Wegners finanzielle Kalkulation
Obwohl nicht mehr Spitzenkandidat, bleibt Wegner bis zur Wahl im Amt des Regierenden Bürgermeisters. Diese Entscheidung hat erhebliche finanzielle Auswirkungen. Niko Härting, Honorarprofessor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, berechnete, dass Wegner durch den Verbleib im Amt bis zur Wahl anstatt eines sofortigen Rücktritts seinen Anspruch auf ein Übergangsgeld in Höhe von 235.763,86 Euro behält. Nach Artikel 56 Absatz 3 der Berliner Landesverfassung verliert ein Senator, der zurücktritt, den Anspruch auf das Übergangsgeld. Die Übergangszahlung wird für bis zu zwei Jahre gewährt: drei Monate in voller Höhe des monatlichen Gehalts von 17.463,99 Euro, der Rest zur Hälfte.
Wer zurücktritt, wird mit dem Verlust des Anspruchs auf das Übergangsgeld 'bestraft'. Auf eine solche 'Bestrafung' zu verzichten, ist für Kai Wegner eine Menge Geld wert.
Loyaler Nummer zwei mit scharfen Ellbogen
Evers ist seit Jahren ein vertrautes Gesicht in der zweiten Reihe der Berliner CDU. Er war bereits Generalsekretär unter der damaligen Landesvorsitzenden Monika Grütters, und als Wegner sie 2019 ablöste, behielt er Evers im Amt. Evers war ein maßgeblicher Architekt des erfolgreichen CDU-Wahlkampfs 2023, nach dem Wegner ihn als Finanzsenator in die Landesregierung holte. Er gilt als loyal und beteiligte sich nicht an der öffentlichen Kritik an Wegner. Im Parlament präsentiert er die Finanzpolitik mit technischer Präzision, doch politische Gegner sagen, er schone niemanden und seine Angriffe seien oft scharf formuliert. Oppositionsstimmen werfen ihm zudem vor, dass Evers zwar in Reden eine solide Haushaltspolitik predige, in der Praxis aber Berlins Rekordschulden mitverantwortet habe. Vor dem Wahlkampf hat er bereits Kampfbereitschaft signalisiert, indem er die von SPD-Fraktionschef Raed Saleh unterstützten kostenlosen Schulmahlzeiten kritisierte.
- Die Linke
- 20 %
- Grüne
- 20 %
- AfD
- 19 %
- CDU
- 17 %

