- 17.10.Proteste in Frankreich werden gewaltsam, Brandstiftung am Rathaus von Limoges
- 18.10.Emmanuel Macron wendet sich in einer Dringlichkeitsansprache im Fernsehen an die Nation und verurteilt die Gewalt
- 5.11.Allgemeiner Streik in Frankreich geplant
Proteste in Frankreich werden gewaltsam
Am Samstag, dem 17. Oktober, schlugen Proteste in ganz Frankreich, die als weitgehend friedliche Kundgebungen gegen unterfinanzierte Bildung und die Lebenshaltungskosten begonnen hatten, in Gewalt um: Es kam zu Zusammenstößen, Brandstiftung und Plünderungen. Die Deutsche Welle berichtet, dass mehr als eine halbe Million Menschen an den Samstagsdemonstrationen teilnahmen. Mehr als 2.000 Menschen wurden festgenommen, Hunderte verletzt. Demonstranten steckten das historische Rathaus von Limoges in Brand – ein Akt von besonderer Symbolkraft. Ein Meinungsbeitrag in griechischen Medien beziffert die Teilnehmerzahl auf 800.000. Die Regierung macht linksextreme und kriminelle Gruppen für die Gewalt verantwortlich, während die Opposition der Polizei Repression vorwirft und erklärt, die Regierung habe die sozialen Forderungen nicht beantwortet.
Macrons Reaktion und der EU-Haushalt
Am Abend des Sonntags, 18. Oktober, wandte sich Emmanuel Macron in einer Dringlichkeitsansprache im Fernsehen an die Nation. Er bezeichnete die Bilder als Anlass für Scham und Wut, verurteilte die Gewalt, versprach, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, und sagte vollständige Transparenz bei den Ermittlungen zu. Europäische Diplomaten erklären, die Unruhen verengten seinen Spielraum in den Verhandlungen über den EU-Haushalt und andere Prioritäten der Union. Die Krise wirkt sich damit sowohl auf seine Stellung in Brüssel als auch im eigenen Land aus.
Unruhen greifen auf Belgien, Italien und Portugal über
In Belgien wurden in Brüssel und Lüttich Zusammenstöße mit der Polizei und Dutzende Festnahmen gemeldet. In Italien wurden Demonstrationen und Zwischenfälle in Mailand und Bologna registriert. In Portugal zogen Tausende friedlich durch Lissabon, Porto und Coimbra, um bezahlbaren Wohnraum sowie höhere Löhne und Renten zu fordern. Ein griechischer Kommentar beschreibt ein übergreifendes Muster, in dem junge Menschen in Frankreich, Belgien, Italien und Albanien dieselbe Frage nach ihrer Zukunft stellen und sich jeweils an einem anderen Auslöser entzünden. In Albanien richtet sich die Wut gegen Korruptionsvorwürfe und gegen die Führung von Edi Rama.
Migration gerät in die Debatte
Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar erklärte, die Bilder aus Frankreich bestätigten die strenge Migrationspolitik seines Landes. Die Berichterstattung belegt keinen Zusammenhang zwischen den Unruhen und Migration. Ein Meinungsbeitrag argumentiert, die extreme Rechte dürfte von der Krise profitieren, und verweist auf Le Pen und ihre Partei als politische Nutznießer.
Die Wohnkosten stehen im Zentrum der Wut
Die EU benötigt 2,25 Millionen zusätzliche Wohnungen – 50 % mehr als derzeit gebaut werden. In Madrid wuchs ein Protestcamp an der Puerta del Sol über mehrere Tage, nachdem eine 87-jährige Frau zwangsgeräumt und später gestorben war; ihr neuer Eigentümer, ein Immobilienunternehmen, hatte ihre Miete von 500 auf 1.650 Euro im Monat erhöhen wollen. In Florenz ist die Miete für eine Wohnung, in der eine 94-jährige Frau seit 60 Jahren lebt, von 450 auf 1.200 Euro im Monat gestiegen, während ihr die Räumung droht. In Griechenland geben 26,4 % der Einwohner 40 % oder mehr ihres Einkommens für Wohnen aus, in der gesamten EU sind es 7,7 %. Rund 42,8 % der Bevölkerung lebt in Haushalten, die mit Hypothekenraten, Miete oder Energierechnungen im Rückstand sind, gegenüber 9,2 % in der EU. Bei den 25- bis 34-Jährigen leben 56,3 % (532.000) noch bei ihren Eltern, in der EU sind es 30,1 %.
- Griechenland: 40 %+ des Einkommens für Wohnen
- 26.4 %
- EU: 40 %+ des Einkommens für Wohnen
- 7.7 %
- Griechenland: Rückstand bei Hypothek, Miete oder Energierechnungen
- 42.8 %
- EU: Rückstand bei Hypothek, Miete oder Energierechnungen
- 9.2 %
- Griechenland: 25- bis 34-Jährige, die bei den Eltern leben
- 56.3 %
- EU: 25- bis 34-Jährige, die bei den Eltern leben
- 30.1 %
Daten aus dem Artikeltext
Warum es in Griechenland ruhig geblieben ist
Ein Meinungsbeitrag stellt fest, dass es in Griechenland keine Straßenproteste im Ausmaß der französischen gegeben hat und auch keine Mietdemonstrationen wie in Spanien. Der Autor führt dies auf das Jahrzehnt der Krise nach 2008 zurück, als Massenkundgebungen die Sparauflagen nicht stoppen konnten und die Gesellschaft erschöpft zurückließen. Der Beitrag argumentiert, die Wut sei individueller geworden und äußere sich eher in Parteienverdrossenheit, Wahlenthaltung, Zynismus und Auswanderungsgedanken als in kollektivem Handeln. Er ergänzt, die Kundgebungen nach dem Zugunglück von Tempi seien wütend gewesen, aber nicht gewaltsam geworden.