Kurz gefasst
Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez beteiligten sich am Samstag, 17. Oktober, mindestens 550.000 Menschen an Protesten in ganz Frankreich. Offizielle, von Medien am 21. Oktober zitierte Angaben nennen 1.800 Festnahmen und mehr als 500 verletzte Polizisten und Feuerwehrleute.
Die Polizei in Mailand nahm am Wochenende 271 Menschen in Gewahrsam und meldete am Montag, 19. Oktober, 32 Festnahmen, davon 23 Minderjährige. Die Regierung von Giorgia Meloni schickt 500 Soldaten nach Mailand, bevor dort für Samstag, 24. Oktober, Proteste geplant sind.
Das Sparpaket der belgischen Regierung von rund 10 Mrd. Euro sieht bis 2029 eine Kürzung des frankophonen Bildungsetats um 500 Mio. Euro vor. Nach Protesten am 12. und 17. Oktober kam es zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei.
Die Inflation im Euroraum erreichte im September 3,8 % im Jahresvergleich, während die EZB das Lohnwachstum pro Kopf mit 2,7 % angibt. Die Lebensmittelpreise in der EU sind binnen fünf Jahren um knapp 35 % gestiegen.
Spanien und Portugal steht am 11. November ein gemeinsamer Generalstreik bevor, und Spanien steuert auf vorgezogene Parlamentswahlen zu. Mieter in Madrid haben gegen die explodierenden Wohnkosten protestiert.
- 12.10.Proteste in Brüssel und Lüttich führen zu Zusammenstößen mit der Polizei
- 17.10.Mindestens 550.000 Menschen protestieren in ganz Frankreich, in Mailand eskaliert der Protest
- 19.10.Die Mailänder Polizei meldet 32 Festnahmen, darunter 23 Minderjährige
Lehrkräfte, Schüler und ein nationaler Aufstand in Frankreich
Lehrkräfte am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil südöstlich von Paris traten Mitte September aus Protest gegen Stellenstreichungen und fehlende Mittel in den Streik, und Schüler schlossen sich ihnen bald an. Die Aktion breitete sich auf Paris und dann auf das ganze Land aus. Innenminister Laurent Nuñez erklärte, am Samstag, 17. Oktober, seien mindestens 550.000 Menschen auf die Straße gegangen. Friedliche Versammlungen in mehreren Städten schlugen später in Gewalt um: Geschäfte wurden geplündert, Autos und Mülltonnen angezündet, und das 1883 erbaute Rathaus von Limoges wurde zerstört. Nach offiziellen Angaben, die Medien am 21. Oktober zitierten, waren 1.800 Menschen festgenommen und mehr als 500 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt worden. Am Sonntag, 18. Oktober, sagte Präsident Emmanuel Macron, die Gewalt sei von französischen Staatsbürgern ausgeübt worden, und französische Beamte wiesen jeden Zusammenhang zwischen den Unruhen und Migration zurück.
Belgien und Mailand: Austerität trifft auf die Straße
Schulen in Lüttich wurden am 1. Oktober blockiert, am 9. Oktober marschierten Gewerkschaften in Brüssel. Bei Protesten in beiden Städten am 12. und 17. Oktober kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Die Demonstranten wenden sich gegen ein belgisches Sparpaket von rund 10 Mrd. Euro, das bis 2029 eine Kürzung des frankophonen Bildungsbudgets um 500 Mio. Euro, höhere Studiengebühren und das Ende vergünstigter Bustickets für Jugendliche vorsieht. In Mailand eskalierte ein Marsch gegen Krieg und Inflation am Samstag, 17. Oktober: Vermummte Demonstranten plünderten Geschäfte, warfen Pflastersteine auf Polizisten und zündeten Barrikaden aus Café-Tischen an.
Italiens Antwort: Soldaten und härtere Strafen
Die Polizei in Mailand nahm am Wochenende 271 Menschen in Gewahrsam und meldete am Montag, 19. Oktober, 32 Festnahmen, davon 23 Minderjährige. Auch in Bologna, Turin und Bergamo gab es Festnahmen. Die Regierung von Giorgia Meloni schickt 500 Soldaten nach Mailand, bevor dort für Samstag, 24. Oktober, neue Proteste geplant sind, und plant härtere Strafen für Randalierer, Bußgelder für Eltern, deren Kinder sich an Vandalismus beteiligen, sowie einen neuen Straftatbestand der Gewaltanwendung bei Demonstrationen. Vize-Regierungschef und Außenminister Antonio Tajani sagte, die Regierung werde auf Angriffe auf den Staat entschlossen reagieren. Junge Organisatoren, die sich als Bewegung „17. Oktober“ bezeichnen, haben angekündigt, jeden Samstag zu protestieren, bis die Regierung fällt.
Spanien, Griechenland und Albanien: Wohnen, Löhne und Korruption
In Madrid wuchs im Stadtzentrum ein Zeltlager, mit dem Anwohner gegen die explodierenden Wohnkosten protestieren. Auslöser der spanischen Bewegung war die Räumung einer 87-jährigen Frau aus einer Wohnung, in der sie ihr gesamtes Erwachsenenleben gelebt hatte, nachdem ein Investmentfonds das Gebäude gekauft hatte. Für den 11. November ist ein Generalstreik in Spanien und Portugal geplant, und Spanien steuert auf vorgezogene Parlamentswahlen zu. In Athen rief der Lehrerverband zu einem 24-stündigen Streik auf: Fast die Hälfte der Lehrkräfte verdiene nicht mehr als 1.000 Euro im Monat, und ihre Kaufkraft sei um knapp 60 % gesunken. Für Studierende in Griechenland verschlingen Studium und Wohnen fast 35 % des verfügbaren Haushaltseinkommens, gegenüber knapp 20 % im europäischen Durchschnitt. In Albanien protestieren junge Menschen gegen Studienbedingungen, Korruption und ein Luxustourismusprojekt in einem Schutzgebiet, das Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump, zugeschrieben wird.
Energiekosten, Löhne und Einschätzungen von Fachleuten
Die Unruhen wurzeln teilweise im Krieg im Iran und der Schließung der Straße von Hormus, die Öl-, Gas- und Dieselpreise steigen lassen. Die Inflation im Euroraum erreichte im September 3,8 % im Jahresvergleich, während die EZB das Lohnwachstum pro Kopf auf durchschnittlich nur 2,7 % beziffert. 2022 konnten die Haushalte auf Ersparnisse aus der Corona-Zeit und einen angespannten Arbeitsmarkt zurückgreifen, doch 2026 hat sich der Arbeitsmarkt gelockert, und die Löhne halten mit den Preisen nicht mehr Schritt.
- Inflation, September 2026 (im Jahresvergleich)
- 3.8 %
- Lohnwachstum pro Kopf (EZB)
- 2.7 %
Daten aus dem Artikeltext
Alberto Alemanno, Professor für EU-Recht an der HEC Paris, beschrieb die Proteste als Warnung.
„Das ist die eindringlichste Warnung der wütenden Jugend Europas heute – in Frankreich und auf dem gesamten Kontinent.“
Rechte und rechtsextreme Stimmen haben die Gewalt in Frankreich und Italien ohne Belege mit Migration in Verbindung gebracht – eine Deutung, die Alemanno als irreführend bezeichnet. Célia Belin, Leiterin des Pariser Büros des European Council on Foreign Relations, sagte, diese Zweifel würden in Frankreich gerade jetzt verstärkt.
„Angesichts der großen Unzufriedenheit der Jugendlichen an den Gymnasien hat die Regierung keine Antwort für sie.“