
EU-Experten legen Bericht zu Altersgrenzen für soziale Medien vor, während Frankreich und Spanien mit nationalen Verboten vorpreschen
Ein Expertengremium berät heute die Europäische Kommission über ein mögliches EU-weites Mindestalter für soziale Medien, während mehrere Mitgliedstaaten eigene nationale Verbote vorantreiben.
Die Europäische Kommission erhält heute Morgen einen lang erwarteten Expertenbericht, der darüber entscheiden könnte, ob und wie die 27 Mitgliedstaaten ein Mindestalter für soziale Medien einführen. Das Dokument kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Union zwischen bereits laufenden nationalen Verboten und dem Beharren Brüssels auf einem einzigen, durchsetzbaren digitalen Regelwerk hin- und hergerissen ist.
Der Bericht und sein Auftrag
Die Experten werden ihre Empfehlungen um 10:00 Uhr in Brüssel an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen übergeben. Das im März einberufene Gremium hatte den Auftrag, zwei Fragen zu beantworten: Ist ein gesetzliches Mindestalter für soziale Netzwerke in der EU notwendig, und wenn ja, wie sollte die Kommission es gestalten? Über vier Monate hinweg konsultierten die Autoren Wissenschaftler, Juristen und Interessengruppen aus verschiedenen Disziplinen. Von der Leyen hat großen Online-Plattformen zuvor vorgeworfen, Kinder bewusst abhängig von ihren Produkten zu machen, und sie hat auf Australien verwiesen – wo seit Dezember 2024 ein Verbot für unter 16-Jährige in Kraft ist – als mögliches Vorbild.
Eine zersplitterte Landschaft nationaler Verbote
Mehrere EU-Regierungen warten nicht auf Brüssel. Frankreich wird die Nutzung sozialer Medien für unter 15-Jährige ab dem 1. September 2026 verbieten. Präsident Emmanuel Macron verteidigte die Maßnahme mit scharfen Worten.
Die Intelligenz unserer Kinder und Jugendlichen ist nicht käuflich, und ihre Gefühle dürfen nicht von amerikanischen Plattformen oder chinesischen Algorithmen manipuliert werden.
Spanien hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Grenze bei 16 Jahren zieht, wobei Ausnahmen möglich sind, wenn eine Plattform nachweisen kann, dass ihr Design kein Risiko für Minderjährige darstellt. Ministerpräsident Pedro Sánchez bezeichnete die Social-Media-Landschaft als eine Art Wilden Westen.
Diese Plattformen bieten einen Rückzugsort für kriminelle Aktivitäten, Pornografie und Gewalt, insbesondere zum Schaden unserer Kinder. Wir müssen Ordnung in das System bringen.
Griechenland, Dänemark und Österreich bewegen sich auf ähnlichen Wegen. Doch andere Mitgliedstaaten bleiben skeptisch, und die Kommission hat bereits eingegriffen: Erst letzte Woche erhob sie Einwände gegen den französischen Plan mit der Begründung, er kollidiere mit EU-Digitalregeln und müsse geändert werden.
- Australien
- 16 Jahre
- Frankreich (ab 1. Sep. 2026)
- 15 Jahre
- Spanien (vorgeschlagen)
- 16 Jahre
Brüssel stemmt sich gegen Zersplitterung
Der grundlegende Konflikt ist ein solcher der rechtlichen Zuständigkeit. Nationale Regierungen können grundsätzlich ein Alter festlegen, unter dem soziale Medien tabu sind, und dann von den Eltern erwarten, dies durchzusetzen. Aber Politiker in vielen Hauptstädten wollen, dass die Plattformen selbst – TikTok, Snapchat, Instagram – als Torwächter fungieren. Die Auferlegung von Altersverifikationspflichten für diese Unternehmen ist jedoch eine Befugnis, die nur die EU-Kommission im Rahmen der digitalen Gesetze des Blocks ausüben kann. Nationale Regeln, die mit EU-Recht überschneiden, sind anfällig für eine Aufhebung, wie der französische Fall zeigt. Brüssel ist bestrebt, einen Flickenteppich aus 27 verschiedenen Systemen zu vermeiden, und hofft, dass die Expertenempfehlungen auf eine EU-weite Lösung hindeuten.
- Australien erlässt Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige
- EU-Kommission beruft Expertengremium zum Jugendschutz im Internet ein
- Experten übergeben Bericht an Ursula von der Leyen in Brüssel
- Französisches Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige tritt in Kraft
- Gesetzgebungsvorschlag aus Brüssel spätestens erwartet
Deutschlands Alternative: abgestufte Sicherheitsmodi
Deutschlands Familienministerin Karin Prien wirbt für ein anderes Modell: abgestufte Sicherheitsmodi für Jugendliche bis 18 Jahre, koordiniert auf europäischer Ebene, anstatt einer starren Altersgrenze. Sie plant, den Ansatz mit ihren Amtskollegen und der Kommission zu besprechen. „Ich habe den Eindruck, dass in allen europäischen Ländern ein fester Wille besteht, hier zu strengeren, wirksameren Regeln zu kommen“, sagte die CDU-Politikerin laut tagesschau.de. Ihr Vorschlag dürfte bei Brüssel besser ankommen als die starren Verbote, die anderenorts beschlossen werden.
Was als Nächstes kommt
Der Bericht ist beratend; die endgültige Entscheidung darüber, ob seinen Empfehlungen gefolgt wird, liegt bei von der Leyen und der Kommission. Ein Gesetzgebungsvorschlag aus Brüssel wird spätestens für den Herbst erwartet. Angesichts des bevorstehenden französischen Verbots und mehrerer anderer nationaler Gesetze in der Pipeline werden die nächsten Monate entscheiden, ob die EU die Energie der Mitgliedstaaten in ein einheitliches, kohärentes System kanalisieren kann – oder ob das digitale Regelwerk des Blocks zersplittert, bevor ein gemeinsamer Standard überhaupt greift.


