
Erdogan empfängt deutschen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst in Ankara zu 50-minütigem Treffen
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan empfing am Montag den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst in Ankara – eine seltene diplomatische Audienz für einen deutschen Landesregierungschef.
Seltene Präsidentenaudienz in Ankara
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan empfing am Montag den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst im Präsidentenpalast in Ankara zu einem 50-minütigen Treffen. Die Audienz wich vom üblichen Protokoll ab, da türkische Präsidenten normalerweise Staats- und Regierungschefs oder Bundeskanzler empfangen, nicht jedoch regionale Führungskräfte. Delegationsvertreter erklärten, Erdoğan habe während seiner Präsidentschaft noch nie zuvor einen deutschen Ministerpräsidenten empfangen, obwohl der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ihn 2014 traf, als Erdoğan gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten Abdullah Gül als Premierminister amtierte. Das Treffen fand am ersten Tag von Wüsts dreitägigem offiziellem Besuch in der Türkei statt und war der erste Besuch eines amtierenden Ministerpräsidenten aus Nordrhein-Westfalen in dem Land.
Gespräche über Handel, Visa und Innenpolitik
Das Gespräch in Ankara drehte sich um wirtschaftliche Beziehungen, strategische Zusammenarbeit und politische Entwicklungen in beiden Ländern. Wüst unterstützte das langjährige Bestreben der Türkei, ihre Zollunion mit der Europäischen Union zu reformieren und zu modernisieren, wies jedoch darauf hin, dass bestehende Abkommen umgesetzt und Rechtssicherheit gewährleistet werden müssten. Die Spitzenpolitiker erörterten zudem die Rolle der Türkei als NATO-Partner, die Beziehungen zur Europäischen Union, die Verteidigungszusammenarbeit sowie Maßnahmen zur Beschleunigung von Geschäftsvisaanträgen für türkische Unternehmer. Darüber hinaus wurde die politische Landschaft in Deutschland nach den jüngsten Landtagswahlen thematisiert.
Er ist sehr interessiert an der innenpolitischen Situation und auch an der Frage, welche Wahlergebnisse es in letzter Zeit in Deutschland gegeben hat.
Diskussionen um die Bundesführung in Berlin
Die diplomatische Begegnung findet vor dem Hintergrund politischer Turbulenzen in Berlin statt, wo Bundeskanzler Friedrich Merz mit niedrigen Zustimmungswerten und innerparteilichem Druck konfrontiert ist. Die Christdemokraten erlitten in drei aufeinanderfolgenden Landtagswahlen Niederlagen, während die Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Stimmengewinne verzeichnen konnte. Wüst, der in Nordrhein-Westfalen in einer Koalition mit den Grünen regiert, wird in Parteikreisen als möglicher künftiger Bundesvorsitzender gehandelt. Diskussionen darüber waren bereits nach seiner Polenreise und dem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz im Mai aufgekommen, doch Wüst bekräftigte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor seiner Abreise nach Ankara, dass er weiterhin Ministerpräsident bleiben wolle.
- Besucht Polen und die Gedenkstätte Auschwitz, was Diskussionen über die Bundesführung der CDU auslöst
- Bekräftigt im ZDF vor der Abreise, dass er Ministerpräsident bleiben will
- Kommt zu einem dreitägigen Besuch in Ankara an, besucht das Atatürk-Mausoleum, das Henkel-Werk und Präsident Erdoğan
Gedenken an 65 Jahre Migration
Der zentrale Anlass von Wüsts Besuch ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens von 1961, das Hunderttausende türkische Arbeiter nach Westdeutschland brachte. Bei einem Stopp in einem Henkel-Werk in Ankara würdigte Wüst den Beitrag türkischer Gastarbeiter zur deutschen Nachkriegsindustrie und verwies auf ihre Beschäftigung in Kohlebergwerken, Stahlwerken, im Straßenbau und im Ford-Werk in Köln. Rund drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland, davon etwa eine Million in Nordrhein-Westfalen, wo über 1.200 türkische Unternehmen ansässig sind.
Ohne diese Menschen wäre der wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem Krieg nicht möglich gewesen.
Dialog und Menschenrechtsbedenken
Nach den Gesprächen im Präsidentenpalast erklärte die Staatskanzlei in Düsseldorf, dass Nordrhein-Westfalen die innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei mit Sorge beobachte, und bezog sich dabei auf Einschätzungen des Auswärtigen Amts zur Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit. In der Erklärung wurde betont, dass unterschiedliche Standpunkte eine Zusammenarbeit bei gemeinsamen Interessen oder einen offenen Dialog nicht ausschließen. Wüst unterstrich, dass die große Diaspora in Nordrhein-Westfalen als kulturelle und wirtschaftliche Brücke zwischen den beiden Regionen diene, und forderte gleichzeitig eine engere wirtschaftliche Integration und widerstandsfähige Lieferketten.


