
Deutschland stellt 26-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung vor – höhere Strafen und 1.500 neue Zollstellen
Finanzminister Lars Klingbeil und Justizministerin Stefanie Hubig stellten ein 26 Maßnahmen umfassendes Paket vor, das Steuerhinterziehung zum Verbrechen hochstuft, die Höchststrafe auf 15 Jahre erhöht und die derzeitige Form der Selbstanzeige abschafft, mit der Täter einer Strafverfolgung entgehen können.
Der 26-Punkte-Plan
Am Donnerstag stellten Finanzminister Lars Klingbeil und Justizministerin Stefanie Hubig in Berlin einen 26-Punkte-Aktionsplan gegen Steuer- und Finanzkriminalität vor. Das Paket zielt darauf ab, durch höheren Ermittlungsdruck, ein höheres Entdeckungsrisiko und strengere Strafen zusätzliche Milliarden einzunehmen. „Ehrliche Menschen dürfen nicht für dumm verkauft werden“, sagte Klingbeil und fügte hinzu, dass der Staat den Kampf gegen Steuerbetrug verstärken werde.
Ehrliche Menschen dürfen nicht für dumm verkauft werden. Deshalb erhöhen wir den Ermittlungsdruck im Kampf gegen Steuerbetrug.
Der Plan sieht vor, die derzeitige Form der Selbstanzeige abzuschaffen, die es Steuersündern ermöglicht, einer Strafverfolgung zu entgehen, indem sie die hinterzogenen Steuern zuzüglich eines Aufschlags zurückzahlen. Außerdem wird schwere Steuerhinterziehung von einem Vergehen zu einem Verbrechen hochgestuft, eine Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr eingeführt und die Höchststrafe für organisierte Steuerkriminalität von 10 auf 15 Jahre angehoben.
Strengere Strafen und Vermögensabschöpfung
Die Selbstanzeige, lange ein umstrittenes Merkmal des deutschen Steuerrechts, würde künftig keine Straffreiheit mehr gewähren. „Kriminelle sollen sich nicht mehr so leicht freikaufen können“, sagte Klingbeil. Die Justizministerin betonte, dass die Staatsanwaltschaften verpflichtet seien, Verfahren zu verfolgen und diese nicht nach eigenem Ermessen einstellen könnten.
Steuerkriminalität schadet uns allen. Sie untergräbt das Vertrauen in die Fairness unseres Rechtsstaats. Es muss klar sein: Steuerkriminalität darf sich nicht lohnen!
Die Behörden erhalten stärkere Befugnisse, um Vermögenswerte verdächtiger Herkunft zu beschlagnahmen. Zollbeamte können Gegenstände wie Luxusautos und Uhren für 180 Tage einziehen, danach müsste der Eigentümer nachweisen, dass sie legal erworben wurden. „Der Porsche und die Rolex sind dann erstmal weg, und das wird die Täter richtig treffen“, sagte Klingbeil. Auch die Geldstrafen für Unternehmen, die an Steuerhinterziehung beteiligt sind, werden erhöht, und ein öffentliches Register soll Unternehmen auflisten, die wegen schwerer Steuerstraftaten sanktioniert wurden.
Digitale Durchsetzung und KI
Ein neues Gemeinsames Zentrum gegen Steuer- und Finanzkriminalität, das sich am deutschen Terrorismusbekämpfungszentrum orientiert, soll beim Zoll eingerichtet werden. Es würde 1.500 neue Stellen zu den derzeit rund 49.000 Beschäftigten hinzufügen und ein Datenanalysezentrum beherbergen, das künstliche Intelligenz nutzt, um komplexe Unternehmensstrukturen zu entwirren und Strohmänner zu identifizieren. Die Regierung plant außerdem die Einführung eines elektronischen Systems für die nahezu Echtzeit-Meldung von Umsatzsteuerdaten, die Verlängerung der Aufbewahrungsfrist für Buchhaltungsunterlagen von 10 auf 15 Jahre und die Einführung einer Pflicht zur Verwendung elektronischer Registrierkassen ab dem 1. Januar 2028 für Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100.000 Euro. Digitale Belege würden die bestehende Papierbelegpflicht ersetzen.
Schlupflöcher schließen und Kryptowährungen
Der Plan zielt auf Lücken bei der Besteuerung von Gewinnen aus Kryptowährungen ab. Derzeit sind Gewinne aus Kryptoverkäufen nach einer Haltefrist von einem Jahr steuerfrei. Klingbeil bezeichnete dies als „Gerechtigkeitslücke“ und kündigte an, dass sie geschlossen werde, um Kryptowährungen steuerlich an die Besteuerung von Arbeitseinkommen und Aktiengewinnen anzugleichen. Der Schutz von Whistleblowern soll gestärkt werden, und der Bund wird sich gemeinsam mit den Ländern am systematischen Ankauf von Steuerdaten beteiligen, um versteckte Vermögenswerte aufzuspüren.
Einnahmeerwartungen und Haushaltsdruck
Klingbeil hat für den Haushalt 2027 Mehreinnahmen in Höhe von einer Milliarde Euro aus der Bekämpfung von Steuerbetrug eingeplant. Der Haushalt sieht Gesamtausgaben von 555,4 Milliarden Euro und eine Neuverschuldung von rund 200 Milliarden Euro vor. Das Finanzministerium wollte keine genaue Schätzung des Ertrags des Plans abgeben, aber Beamte rechnen mit einem Betrag in Milliardenhöhe. Die Deutsche Steuergewerkschaft schätzt, dass jedes Jahr 100 Milliarden Euro oder mehr durch Steuerhinterziehung verloren gehen, wobei allein der Umsatzsteuerbetrug rund 25 Milliarden Euro ausmacht und bargeldintensive Sektoren wie Gastronomie und Nagelstudios weitere 10–15 Milliarden Euro.
- 26-Punkte-Aktionsplan von Klingbeil und Hubig vorgestellt
- Erste gesetzliche Änderungen erwartet
- Haushalt sieht eine Milliarde Euro Mehreinnahmen aus Anti-Betrugs-Maßnahmen vor
- Pflicht zur elektronischen Registrierkasse für Unternehmen mit Umsatz über 100.000 Euro
- Umsatzsteuerbetrug
- 25 Mrd. €
- Bargeldintensive Sektoren
- 12.5 Mrd. €
Politischer Widerstand
Der Plan stieß sofort auf Kritik aus Bayern, das warnte, das geplante öffentliche Register sanktionierter Unternehmen komme einem „öffentlichen Pranger“ gleich und könne unabsehbare Reputationsschäden verursachen. Die oppositionelle CDU/CSU reagierte zurückhaltend auf die Abschaffung der Straffreiheit durch Selbstanzeige und wies darauf hin, dass dieses Instrument in der Vergangenheit dazu gedient habe, Täter wieder zur Steuerehrlichkeit zu bewegen. Erste gesetzliche Änderungen werden nach Angaben des Finanzministeriums bereits im August erwartet.
