Industrie schrumpft, Dienstleistungen wachsen
Am Montag, 19. Oktober, veröffentlichte das Ifo-Institut eine Studie, die die Beschäftigung am 31. Dezember 2018 mit der am 31. Dezember 2025 vergleicht. Demnach arbeiteten Ende 2025 496.000 Menschen weniger in deutschen Industrieunternehmen, ein Rückgang von 7,1 Prozent. Im selben Zeitraum entstanden im Dienstleistungssektor gut 2,2 Millionen Stellen, vor allem in Gesundheit und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung. Die Zahlen erfassen nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Selbstständige, Beamte und Minijobber bleiben also außen vor. Die Niederlassung Dresden des Ifo-Instituts veröffentlichte die Ergebnisse; ihr stellvertretender Leiter Joachim Ragnitz führte die Verluste auf eine schwächere Wettbewerbsfähigkeit zurück, insbesondere gegenüber China.
Auto, Metall und Maschinenbau tragen den Großteil der Verluste
Die Autoindustrie und ihre Zulieferer bauten 123.500 Stellen ab, ein Minus von 13 Prozent. Hersteller von Metallwaren verloren 115.600 Stellen, der Maschinenbau 64.500. Ragnitz errechnete, dass diese drei Branchen etwa 60 Prozent des industriellen Rückgangs ausmachen. In der Zeitarbeit gingen weitere 243.000 Beschäftigte verloren, viele davon in der Fertigung; rechnet man sie hinzu, beziffert die Studie den Gesamtverlust der Industrie auf rund 628.000 Stellen. Das Statistische Bundesamt meldete, die Beschäftigung in der Autoindustrie liege auf dem niedrigsten Stand seit 2005. Ragnitz beschrieb die Entwicklung als sich vertiefenden Strukturwandel der Wirtschaft.
„Deutschland erlebt einen verstärkten Strukturwandel: Gerade die Branchen, die unseren Wohlstand bislang getragen haben, schrumpfen.“
Volkswagen plant, in den kommenden Jahren 50.000 Stellen abzubauen, zusätzlich zu bereits vereinbarten Sparprogrammen, während auch Bosch, ZF, Schaeffler und Continental Tausende Stellen streichen wollen.
- Autoindustrie und Zulieferer
- 123500 Stellen
- Metallwaren
- 115600 Stellen
- Maschinenbau
- 64500 Stellen
Daten aus dem Artikeltext
Dienstleistungen und öffentlicher Sektor wachsen
Das Gesundheitswesen gewann 391.000 Stellen hinzu, die soziale Arbeit einschließlich Pflegeheimen 357.000, was die Studie vor allem auf die alternde Bevölkerung zurückführt. Die öffentliche Verwaltung erhielt 329.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, teils weil durch Pensionierungen frei gewordene Stellen mit angestelltem Personal nachbesetzt wurden. Innerhalb der privaten Dienstleistungen wuchsen IT-Unternehmen am schnellsten. Ragnitz warnte zudem vor den Folgen für das Wachstum.
„Die neuen Stellen entstehen überwiegend nicht dort, wo Deutschland besonders produktiv und innovativ ist. Das könnte unser Wachstumspotenzial künftig bremsen.“
- Gesundheitswesen
- 391000 Stellen
- Soziale Arbeit inkl. Pflegeheime
- 357000 Stellen
- Öffentliche Verwaltung
- 329000 Stellen
Daten aus dem Artikeltext
Regionale Unterschiede
Der industrielle Stellenabbau traf alle Bundesländer außer Hamburg. Im Osten lag der Rückgang bei 8,4 Prozent, im Westen bei 6,8 Prozent, der östliche Rückgang war also etwas steiler. Brandenburg war das einzige ostdeutsche Land, in dem die Autofertigung Stellen hinzugewann, dank des Tesla-Werks in Grünheide. In Thüringen und Sachsen-Anhalt sank die Beschäftigung insgesamt.
- Ostdeutschland
- -8.4 %
- Westdeutschland
- -6.8 %
Daten aus dem Artikeltext
Ausblick und Zurückhaltung bei Neueinstellungen
Ökonomen erwarten, dass die Wirtschaft wieder etwas an Fahrt gewinnt. Die Bundesregierung und der Internationale Währungsfonds haben ihre Prognosen für Deutschland angehoben und rechnen nun mit einem BIP-Wachstum von 1,3 Prozent in diesem Jahr, der stärksten Rate seit 2022. Die Arbeitslosenquote lag im September bei 6,4 Prozent, leicht über dem Vorjahreswert, und der Arbeitsmarkt hat seit Monaten an Schwung verloren. Jutta Rump, Expertin am Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen, verwies auf eine komplexe Mischung von Belastungen für die Unternehmen. Die Betriebe seien unsicher, welche Qualifikationen sie benötigen werden, während Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Arbeit umgestalten, und diese Unsicherheit bremse die Einstellungsbereitschaft.
„Wir haben einen sehr starken Druck auf Geschäftsmodelle, die teilweise deutlich neu definiert werden.“