Deutsche Gerichte und Schlichtungsstellen melden Anstieg KI-gestützter Rechtsanträge
Deutsche Sozialgerichte, Arbeitsgerichte und Verbraucherschlichtungsstellen melden einen starken Anstieg formeller Streitigkeiten, da Bürger große Sprachmodelle nutzen, um komplexe rechtliche Schriftsätze zu verfassen.
Steigende Streitfallzahlen bei deutschen Rechtsorganen
Deutsche Verwaltungsbehörden, kommunale Bußgeldstellen, Schlichtungsstellen und Fachgerichte sind mit einem erheblichen Anstieg von Streitanträgen konfrontiert. Bürger, die in Auseinandersetzungen mit öffentlichen Stellen, Dienstleistern oder Arbeitgebern verwickelt sind, nutzen Systeme der künstlichen Intelligenz zur Erstellung juristischer Dokumente. Chatbots wie ChatGPT, Gemini und Claude erstellen innerhalb weniger Minuten formelle Widersprüche, Beschwerden und Klageentwürfe. Diese großen Sprachmodelle beziehen sich auf aktuelle gesetzliche Bestimmungen und verfassen Argumente auf hohem sprachlichem Niveau, ohne dass eine anwaltliche Vertretung erforderlich ist. Der daraus resultierende Zustrom betrifft mehrere Zweige der Justiz, insbesondere die Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit. Am Arbeitsgericht Berlin wurden bis Mitte August 2026 mehr als 16.000 Verfahren eingeleitet. Diese Zahl entspricht der Gesamtzahl der im gesamten Jahr 2024 eingegangenen Fälle. Im Jahr 2025 verzeichnete dasselbe Gericht über 18.600 Verfahren, wobei Kündigungsschutzklagen die häufigste Streitkategorie darstellten.
- Sozialgerichtsklagen (2025)
- 10 %
- Eilverfahren an Sozialgerichten (2025)
- 47 %
- Streitfälle Versicherungsombudsmann (Jan.–Mai 2026)
- 50 %
Bundesweite Gerichtszahlen und sprunghafter Anstieg von Eilverfahren
Die Ausweitung der Gerichtsverfahren erstreckt sich nach Angaben des Deutschen Richterbundes auch auf die bundesweite Sozialgerichtsbarkeit. An den 68 Sozialgerichten in Deutschland stieg die Zahl der Klagen im Jahr 2025 um durchschnittlich 10 % auf über 263.500 Fälle. Die Zahl der Eilverfahren, die Angelegenheiten betreffen, die sofortigen vorläufigen Rechtsschutz erfordern, stieg im Jahr 2025 um 47 % auf knapp 40.000 Fälle, gegenüber 26.995 im Jahr 2024. Ein Sprecher des Arbeitsgerichts Berlin wies darauf hin, dass das Gericht die Eingänge zwar nicht formell auf maschinelle Erstellung überprüft habe, die Mitarbeiter jedoch regelmäßig Schriftsätze erhielten, deren Aufbau auf die Nutzung von KI-Werkzeugen hindeute. Ähnliche Fallzahlensteigerungen treten auch außerhalb des Gerichtssystems bei gesetzlichen Schlichtungsstellen auf. Der Versicherungsombudsmann, eine Schlichtungsstelle für Verbraucherstreitigkeiten mit Versicherungsanbietern, verzeichnete in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 etwa 50 % mehr Beschwerden als im entsprechenden Zeitraum des Jahres 2025.
Unsere Juristen sehen zunehmend Schlichtungsanträge, die sehr ähnlich oder in einigen Fällen identisch aufgebaut sind.
Veränderungen in juristischer Argumentation und Stil
Juristische Mitarbeiter von Streitbeilegungsstellen berichten von beobachtbaren Veränderungen in der Art und Weise, wie Bürger während laufender Verfahren kommunizieren. Antragsteller eröffnen einen Streitfall häufig mit kurzer und informeller Korrespondenz, um dann mit umfangreichen, hochtechnischen Schriftsätzen unter Bezugnahme auf Gesetzesparagraphen und Gerichtspräzedenzfälle nachzulegen. Constantin Graf von Rex erklärte, dass solche abrupten Änderungen in Ton, Umfang und rechtlicher Argumentation zwar keinen direkten Beweis für automatisierte Hilfe darstellten, aber ein starkes Indiz für generative Software seien. Ein vergleichbares Muster zeigt sich bei der Schlichtungsstelle für Reise und Verkehr, die Verbraucherkonflikte mit Reiseunternehmen und Verkehrsbetreibern vermittelt. Geschäftsführerin Sabine Cofalla berichtete, dass die Organisation in der ersten Jahreshälfte 2026 einen neuen Rekord bei den eingereichten Anträgen aufgestellt habe. Auch die Justiziare der Verkehrsschlichtungsstelle stellten ein wachsendes Volumen detaillierter Schriftsätze mit umfangreichen Zitaten von Rechtsvorschriften fest.
Institutionelle Rückstände und das Phänomen der agentischen Flutung
Öffentliche Ämter und Gerichte passen ihre Arbeitsabläufe an, um die wachsende Arbeitslast zu bewältigen. Das Arbeitsgericht Berlin hat zusätzliche Richter berufen, um die Falllast zu verringern, und führt weitere Einstellungsrunden durch, obwohl sich die Bearbeitungszeiten dennoch verlängert haben. In einem wissenschaftlichen Beitrag zu diesem Thema führten der Doktorand Chris Schmitz und seine Kollegen von der Hertie School in Berlin den Begriff „agentic flooding“ (agentische Flutung) ein, um den massenhaften Zustrom von Anträgen zu klassifizieren, die von automatisierten KI-Agenten erstellt werden. Schmitz merkte an, dass es nach wie vor schwierig sei, einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen KI-Werkzeugen und steigenden Fallzahlen herzustellen, da auch andere Variablen wie wirtschaftliche Veränderungen und Gesetzesreformen die Prozesshäufigkeit beeinflussten.
Kausalität ist extrem schwer nachzuweisen.
Die begrenzten Kapazitäten der öffentlichen Infrastruktur bedeuten, dass nicht alle Verwaltungs- und Justizbehörden über das Budget oder die organisatorische Flexibilität verfügen, um zusätzliches Personal einzustellen, das dem Zustrom automatisierter Eingaben gerecht wird.


