
Stimmung in der deutschen Chemiebranche dreht im August ins Positive – Blockade der Straße von Hormus treibt Nachfrage
Die deutschen Chemiehersteller haben im August 2026 erstmals seit vier Jahren eine positive Geschäftslage gemeldet. Grund sind Lieferunterbrechungen im Nahen Osten, die die asiatische Konkurrenz schwächen.
Stimmung in der deutschen Chemie wird positiv
Die deutschen Chemiehersteller haben ihre aktuelle Geschäftslage im August 2026 erstmals seit vier Jahren positiv bewertet, wie aus Umfrageergebnissen des Münchner Ifo-Instituts hervorgeht. Der Indikator für die aktuelle Geschäftslage stieg von minus 14,6 Punkten im Juli auf plus 11,6 Punkte. Die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate verbesserten sich von minus 37,2 Punkten auf minus 15,5 Punkte. Folglich kletterte der Geschäftsklimaindex für die Chemieindustrie von minus 26,3 Punkten im Juli auf minus 2,4 Punkte. Auch die Chemie-Exportaussichten bewegten sich ins Positive und stiegen von minus 22,7 Punkten im Vormonat auf plus 10,1 Punkte.
- Aktuelle Lage
- 11.6 Punkte
- Exportaussichten
- 10.1 Punkte
- Geschäftsklima
- -2.4 Punkte
- Geschäftserwartungen
- -15.5 Punkte
Nahost-Konflikt treibt temporäre Nachfrage
Die plötzliche Verbesserung der Branchenstimmung ist auf Lieferkettenunterbrechungen infolge des Iran-Konflikts und der Blockade der Straße von Hormus zurückzuführen. Die geopolitischen Spannungen unterbrachen die Lieferungen von Erdgas und chemischen Grundrohstoffen an asiatische Produzenten, was zu erheblichen Produktionskürzungen in der Region führte. Europäische und deutsche Produzenten sprangen ein, um die Versorgungslücken zu schließen, und sicherten sich erhöhte Aufträge internationaler Abnehmer. Ifo-Branchenexpertin Anna Wolf erläuterte den Mechanismus, der diesen temporären Nachfrageschub antreibt.
Die anhaltende Blockade der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Versorgungsengpässe in Asien erhöhen die Nachfrage nach Chemieprodukten aus deutscher Produktion.
Da die Unternehmen davon ausgehen, dass die geopolitischen Spannungen ohne eine sofortige Deeskalation anhalten werden, deuten die Produktionspläne in den deutschen Werken auf eine Ausweitung der Produktion in den kommenden Monaten hin.
Engpässe in der Schifffahrt und Rohstoffbeschränkungen
Asiatische Chemiekonkurrenten sehen sich mit zunehmenden logistischen und materiellen Zwängen konfrontiert. China führte Exportbeschränkungen für Schwefelsäure ein, einen kritischen Rohstoff, der in der Düngemittelproduktion und verschiedenen industriellen chemischen Prozessen verwendet wird. Darüber hinaus schränken die anhaltenden Drohungen der Huthi-Rebellen gegen Handelsschiffe im Roten Meer den Zugang zum Suezkanal ein. Asiatische Frachtsendungen müssen nun den Weg um die Südspitze Afrikas nehmen, was zu höheren Frachtkosten und längeren Lieferzeiten führt. In Deutschland verbesserte sich die Materialverfügbarkeit im dritten Quartal 2026; nur 13,8 % der Chemieunternehmen meldeten Engpässe, verglichen mit einem Drittel im zweiten Quartal.
- Juli 2026
- -26.3 Punkte
- August 2026
- -2.4 Punkte
Branchenvorsicht und strukturelle Kosten im Inland
Die Chemie- und Pharmaindustrie ist nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau der drittgrößte Industriezweig Deutschlands und beschäftigt rund 545.000 Mitarbeiter in über 2.100 Unternehmen. Der Branchenumsatz belief sich im vergangenen Jahr auf rund 230 Milliarden Euro. Zu den börsennotierten Herstellern zählen die DAX-Konzerne BASF, Bayer und Brenntag sowie die MDAX-Unternehmen Covestro, Wacker Chemie und Lanxess. Im ersten Halbjahr 2026 beliefen sich die deutschen Chemieexporte auf 71,6 Milliarden Euro, ein Anstieg von 1,4 % im Vergleich zum Vorjahr. Trotz des Aufschwungs im August warnte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) vor anhaltenden strukturellen Problemen, darunter hohe Energie- und Rohstoffkosten sowie Lieferkettenrisiken aufgrund niedriger Wasserstände in Flüssen. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup bewertete die Lage.
Das aktuelle Zwischenhoch ist ein Hoffnungsschimmer, aber keine Trendwende.
Aufgrund dieser anhaltenden strukturellen Kostenbelastungen planen die Chemiehersteller weiterhin einen Personalabbau im Inland, auch wenn geplante Bundesinfrastrukturprogramme die industrielle Zwischennachfrage stützen könnten.


