
Louis Dassilva nach 16-stündiger Beratung in Rimini vom Mord an Pierina Paganelli freigesprochen
Ein Gericht in Rimini sprach Louis Dassilva am frühen Mittwochmorgen nach 16-stündiger Beratung vom Mord an seiner Nachbarin Pierina Paganelli im Jahr 2023 frei und ordnete seine sofortige Freilassung an. Die Tat bleibt ungeklärt.
Das Urteil
Louis Dassilva, ein 35-jähriger Senegalese, wurde in den frühen Morgenstunden des Mittwochs, 10. Juni 2026, von der Corte d'Assise von Rimini vom Mord an seiner 78-jährigen Nachbarin Pierina Paganelli freigesprochen. Die Richter berieten über 16 Stunden, bevor sie kurz nach 2 Uhr morgens ihr Urteil verkündeten. Dassilva, der seit Juli 2024 in Untersuchungshaft saß und eine mögliche lebenslange Haftstrafe erwartete, wurde umgehend freigelassen. Vor dem Gefängnis wurde er von seiner Frau Valeria Bartolucci und einer Schar Unterstützern empfangen.
Gerechtigkeit ist geschehen. Gerechtigkeit hat gesiegt. Es ist die Wiedergeburt der Gerechtigkeit.
Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslange Haft gefordert, doch das Gericht sprach Dassilva vom Vorwurf der Tötung frei. Seine Verteidiger, Riario Fabbri und Andrea Guidi, begleiteten ihn – um der Presse aus dem Weg zu gehen – zu einer anderen Adresse als dem Wohnblock in der Via del Ciclamino.
Die Tat
Paganelli wurde am Abend des 3. Oktober 2023 in der Tiefgarage ihres Mehrfamilienhauses in der Via del Ciclamino in Rimini getötet. Sie erlitt 29 Messerstiche – eine Gewalt, die Kriminologen als „Overkilling“ bezeichnen und darauf hindeutet, dass der Täter sie kannte und ihr tiefen Hass entgegenbrachte. Ihre Leiche wurde am darauffolgenden Morgen von ihrer Schwiegertochter Manuela Bianchi entdeckt. Der Tatort war offenbar manipuliert: Der Unterwäsche des Opfers war aufgeschnitten worden, offenbar ein Versuch, die Ermittler in die Irre zu führen und einen sexuellen Übergriff vorzutäuschen. Paganelli war eine gläubige Zeugin Jehovas und auf dem Rückweg von einer Gemeindeversammlung, als sie angegriffen wurde. Eine Überwachungskamera zeichnete ihre Schreie auf und legte den genauen Todeszeitpunkt auf 22:13 Uhr fest.
Die Ermittlungen
Der Verdacht fiel auf Dassilva, der nur wenige Meter von Paganellis Wohnung entfernt lebte. Die Ermittler erfuhren, dass er eine außereheliche Affäre mit Bianchi, Paganellis Schwiegertochter, hatte. Die Theorie der Anklage war, dass Dassilva befürchtete, Paganelli würde die Beziehung entdecken und – angesichts ihrer religiösen Überzeugungen – heftig darauf reagieren. Bianchis Ehemann, Giuliano Saponi (Paganellis Sohn), war fünf Monate vor dem Mord von einem Fahrerflüchtigen angefahren worden und befand sich während seiner Genesung im Koma – in dieser Zeit wurde die Affäre fortgesetzt.
- Pierina Paganelli wird in ihrer Tiefgarage in der Via del Ciclamino, Rimini, mit 29 Messerstichen getötet.
- Schwiegertochter Manuela Bianchi entdeckt die Leiche; die Polizei geht zunächst von einem Femizid aus.
- Louis Dassilva wird festgenommen und in Untersuchungshaft genommen.
- Prozessbeginn vor der Corte d'Assise von Rimini; Dassilva droht eine lebenslange Haftstrafe.
- Nach 16-stündiger Beratung spricht das Gericht Dassilva frei und ordnet seine sofortige Freilassung an.
Staatsanwalt Daniele Paci stützte die Anklage weitgehend auf Bianchis Aussage und auf ein Überwachungsvideo einer Apotheke, das seiner Ansicht nach zeigte, wie Dassilva kurz nach der Tat Tatwaffe und Kleidung entsorgte. Das Video war jedoch körnig, und die Verteidigung konnte im Rahmen eines Beweisaufnahmetermins (einer gerichtlich überwachten Rekonstruktion) nachweisen, dass es sich bei der Person im Filmmaterial nicht um Dassilva, sondern um einen unbeteiligten Nachbarn handelte. Gerichtlich bestellte Sachverständige hatten Dassilva bereits aufgrund der Körpergröße ausgeschlossen: Die Person im Video war kleiner als der Angeklagte.
Die Beweise
Am Leichnam des Opfers fanden sich keine forensischen Spuren, die Dassilva mit der Tat in Verbindung brachten. Auf Paganellis Gesicht wurde ein langes schwarzes Haar fotografiert, das jedoch nie als Beweismittel gesichert wurde. Zu dem vor Gericht präsentierten Material gehörten auch Abhörprotokolle, in denen Dassilva einen Hexendoktor bat, Voodoo-Riten durchzuführen, um die Polizei und den Staatsanwalt zu verfluchen. Bianchi sagte zunächst gegenüber den Ermittlern aus, sie habe Dassilva kurz vor dem Auffinden der Leiche getroffen und er habe ihr Anweisungen gegeben, was sie der Polizei sagen und tun solle. Später änderte sie ihre Aussage und gab an, dass Dassilva die Leiche entdeckt und sie in die Tiefgarage gerufen habe, woraufhin sie sich an einer chaotischen Meldung bei den Behörden beteiligt habe.
Was offen bleibt
Der Freispruch lässt den Mord ohne einen namentlich bekannten Täter oder aktiven Tatverdächtigen zurück. Der Fall hat die italienische Öffentlichkeit fast drei Jahre lang in Atem gehalten, befeuert durch die Enthüllung der Affäre, codierte Nachrichten zwischen den Liebenden und einen im Fernsehen übertragenen Wortwechsel zwischen Bianchi und Bartolucci wenige Tage vor Dassilvas Festnahme am 16. Juli 2024. Die Ermittlungen könnten mit ergänzenden Untersuchungen fortgesetzt werden; die Staatsanwaltschaft könnte das Urteil anfechten. Vorerst bleibt die Frage unbeantwortet, wer Pierina Paganelli getötet hat.


