
Verdacht auf rechtsextremen Brandanschlag auf Cottbuser Wohnprojekt löst politische Verurteilung und Mahnwache aus
Zwei Männer warfen in der Nacht Brandflaschen auf das alternative Wohnprojekt „Zelle 79“ in Cottbus, was ein Mordkommissionsverfahren und eine Mahnwache von rund 100 Menschen auslöste. Politiker aller Parteien verurteilten den mutmaßlich rechtsextremen Anschlag und gelobten, die Demokratiebildung zu stärken.
Der Anschlag
Zwei schwarz gekleidete Männer im Alter zwischen 15 und 20 Jahren warfen in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli Brandflaschen auf das alternative Wohnprojekt „Zelle 79“ in Cottbus. Ein Bewohner hörte einen Knall und filmte die Verdächtigen. Einer von ihnen hatte ein Tattoo am linken Unterarm und trug eine schwarz-weiß-rote Sturmhaube, die Farben des Deutschen Reiches. Die Polizei geht davon aus, dass die Täter aus dem rechtsextremen Spektrum stammen. Der Staatsschutz und eine Mordkommission ermitteln wegen versuchten Mordes, da sich zum Tatzeitpunkt Personen im Gebäude befanden.
In geringer Entfernung fing auch ein Zaunpfosten am nahegelegenen Club „Chekov“ Feuer. Die Polizei wurde am Donnerstagmorgen gegen 10:40 Uhr alarmiert und prüft einen möglichen Zusammenhang zwischen beiden Vorfällen, sowohl geografisch als auch ideologisch.
Politische Reaktionen
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte, er sei fassungslos und entsetzt.
Die jüngsten Ereignisse in Cottbus lassen mich fassungslos und entsetzt zurück. Solche Taten müssen mit aller Härte bestraft werden.
Finanzminister Daniel Keller (SPD) besuchte den Tatort und bezeichnete den Anschlag als Angriff auf die Demokratie.
Er versprach, dass das Land die Mittel für die Strafverfolgung nicht kürzen, sondern mehr in die Demokratiebildung investieren werde, um junge Menschen gegen extremistischen Einfluss zu stärken.Wer euch angreift, greift auch unsere Demokratie an.
Innenminister Jan Redmann (CDU) verurteilte die Gewalt ebenfalls.
Rechtsextremisten zersetzen das Miteinander. Wer Brandflaschen wirft, nimmt Opfer in Kauf. Das macht mich fassungslos.
Cottbus‘ Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) wandte sich direkt an die Bewohner, bekräftigte ihr Recht, anders zu leben, und forderte eine zügige Aufklärung und harte Bestrafung. Er rief die Gesellschaft dazu auf, sich zu fragen, warum junge Menschen zu Gewalt greifen, und solche Taten eindeutig zu verurteilen, auch in Vereinen und am Arbeitsplatz.
Reaktion der Gemeinschaft
Rund 100 Menschen versammelten sich am Donnerstagabend zu einer Mahnwache vor der „Zelle 79“ und folgten damit einem Aufruf der Initiative „Sichere Orte Südbrandenburg“. Sie skandierten „Ihr seid nicht allein!“ aus Solidarität mit den Bewohnern. Das Wohnprojekt war bereits zuvor Ziel von Anfeindungen; eine Regenbogenfahne hing am Gebäude.
Weiterer Kontext
Dorina Feldmann von der Opferhilfeorganisation Opferperspektive forderte entschlossenes Handeln gegen rechte Gewalt auf mehreren Ebenen – von einer solidarischen Stadtgesellschaft über mehr Polizeipräsenz bis hin zu konsequenter Strafverfolgung. Sie kritisierte, dass Verfahren in solchen Fällen bis zu sechs Jahre dauern können.
Politisch motivierte Gewaltstraftaten aus dem rechtsextremen Spektrum stiegen im vergangenen Jahr um mehr als ein Viertel auf 145 Fälle, wie das Innenministerium mitteilte. Opferperspektive, das Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Brandenburg berät, steht vor der möglichen Schließung seines Cottbuser Büros aufgrund auslaufender Bundesmittel. Die Landesregierung hatte bereits die Antidiskriminierungsberatung für Brandenburg nach dem Entzug von Bundesgeldern eingestellt. Oberbürgermeister Schick betonte die Notwendigkeit von Strukturen und Finanzen für die Opferbetreuung.
- Zwei Männer werfen Brandflaschen auf das Wohnprojekt „Zelle 79“
- Polizei zu Zaunbrand am nahegelegenen Club „Chekov“ gerufen
- Staatsschutz und Mordkommission leiten Ermittlungen wegen versuchten Mordes ein
- Mahnwache mit rund 100 Menschen vor dem Wohnprojekt
- Politiker besuchen Tatort und verurteilen Anschlag


