Sachsens Aufnahmerituale für Azubis: Lufthaken und Stornozangen sind Vergangenheit
Während Tausende junger Menschen in Sachsen eine Ausbildung beginnen, ist der alte Brauch, Neulinge nach imaginären Gegenständen wie 'Lufthaken' und 'Stornozangen' zu schicken, fast verschwunden und wurde durch eine Willkommenskultur 'auf Augenhöhe' ersetzt.
Der alte Streichkatalog
Für Generationen waren die ersten Tage einer Ausbildung in Sachsen mit einer besonderen Prüfung verbunden. Neulinge in Industrie, Handwerksbetrieben und Büros wurden von ihren Ausbildern losgeschickt, um nicht existierende Werkzeuge zu holen: Lufthaken, Kümmelspalter, Froschhaar-Pinsel, einen Rahmen für ein Blutbild, Ersatzblasen für eine Wasserwaage, eine Gewerbesteuer-Messlatte oder ein Steuerhinterziehungsformular. Wenn der Auszubildende gehorsam suchte, amüsierten sich die Kollegen. Bei der Sparkasse Zwickau erinnert sich Ausbildungsleiter Ronny Hüdel daran, dass die Stornozange in den frühen 2000er Jahren legendär war. Die Geschichte besagte, dass die Zangen knapp waren und Banken sie sich gegenseitig liehen, und die Auszubildenden wurden in eine andere Filiale geschickt, um das Werkzeug auszuleihen. Ein Landwirtschaftsverband berichtet von einem Fall, in dem einem Auszubildenden gesagt wurde, er solle zum 'Zylinderhubraum' gehen. Die Handwerkskammer zu Leipzig erinnert sich an Lehrlinge, die in einen Baumarkt geschickt wurden, um 'Siemens-Lufthaken' zu kaufen.
Ein Test des gesunden Menschenverstands
Anett Fritzsche, Pressesprecherin der Handwerkskammer zu Leipzig, sagt, die Praxis sei wahrscheinlich als eine Art Aufnahmeritus gedacht gewesen. Sie sollte dem Auszubildenden wohl auch signalisieren, dass von Anfang an gesunder Menschenverstand erwartet werde und dass Mitdenken für den Erfolg unerlässlich sei. Ein weiterer Streich bestand darin, Auszubildende zu bitten, Fingerabdrücke für polizeiliche Vergleiche zu hinterlassen, nur damit die Kollegen das Stempelkissen vorher mit übermäßig viel Farbe präparierten.
Die verschwindende Tradition
Heute sind solche Bräuche größtenteils verschwunden. Fragt man Kammern und Verbände, ist die Antwort dieselbe: Es ist nicht mehr üblich. Die Sparkasse Zwickau erklärt, dass die Tradition nicht mehr existiert. Die Handwerkskammer zu Leipzig fügt hinzu, dass sie heute selten sei und höchstens noch in einzelnen Betrieben vorkomme, je nachdem, wie diese arbeiten. Neue Auszubildende werden 'auf Augenhöhe' willkommen geheißen, anstatt Ziel von Scherzen zu sein.
Wandel der Arbeitsplatzkultur
Der Wandel fällt mit einer breiteren Veränderung zusammen, wie deutsche Unternehmen die ersten Tage der Berufsausbildung angehen. Der Schwerpunkt hat sich von situativem Humor geprägten Übergangsriten hin zu strukturierter Einarbeitung, klaren Erwartungen und gegenseitigem Respekt verlagert. Der Beginn des Ausbildungsjahres 2026 in Sachsen, bei dem Tausende junger Menschen in ihr Berufsleben starten, veranschaulicht das leise Verschwinden eines langjährigen, aber zunehmend unerwünschten Rituals.


