
AfD-Spitzen singen DDR-Hymne bei Kundgebung – Comedian löst Ermittlungen mit Merz- und Merkel-Äußerungen aus
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla und Spitzenkandidat Ulrich Siegmund stimmten bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dessau-Roßlau gemeinsam mit Hunderten Teilnehmern in „Auferstanden aus Ruinen“ ein, während Kabarettist Uwe Steimle wegen Äußerungen über Friedrich Merz und Angela Merkel ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist.
Was bei der Kundgebung geschah
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla und der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, sangen am Dienstagabend gemeinsam mit mehreren hundert Menschen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dessau-Roßlau die DDR-Nationalhymne. Die Podiumsdiskussion hatte sich mit dem Thema Frieden befasst, und Chrupalla hatte dazu aufgerufen, zum Abschluss des Abends die deutsche Nationalhymne zu singen. Der Kabarettist Uwe Steimle, ein Gast auf dem Podium, begann stattdessen „Auferstanden aus Ruinen“ zu singen, die Hymne der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Ein Video von der Veranstaltung zeigt, dass Chrupalla zunächst versuchte einzugreifen und sagte: „die andere“, doch Steimle sang die erste Strophe weiter. Chrupalla und Siegmund lächelten dann und stimmten ein, sangen Teile der Hymne zusammen mit dem Publikum. Anschließend intonierte Chrupalla mit der Gruppe auch die deutsche Nationalhymne.
- Podiumsdiskussion zum Thema Frieden beginnt mit Chrupalla, Siegmund und Steimle
- Chrupalla ruft zum Singen der deutschen Nationalhymne auf
- Steimle beginnt stattdessen mit der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“
- Chrupalla sagt „die andere“, aber Steimle singt weiter; hunderte stimmen ein
- Chrupalla und Siegmund lächeln und singen Teile der DDR-Hymne mit
- Chrupalla intoniert mit dem Publikum die deutsche Nationalhymne
- Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen gegen Steimle wegen Störung des öffentlichen Friedens ein
Steimles Äußerungen und die strafrechtlichen Ermittlungen
Während derselben Veranstaltung äußerte sich Steimle über die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel und den amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz, was laut einem Bericht des Spiegel die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau dazu veranlasst hat, wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu ermitteln. Steimle bezeichnete Merkel als „das Merkel“ und sagte mit Bezug auf ihr offizielles Kanzlerporträt, sie habe sich stehend malen lassen, „weil sie ahnt, dass sie bald sitzt“. Er fügte hinzu: „Im Moment hängt sie, und wenn alle Seile reißen oder der Nagel nachgibt, dann stellen wir sie an die Wand. Uns fällt schon was ein.“
Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal: Wo ist Stauffenberg, wenn man ihn wirklich braucht?
Claus Schenk Graf von Stauffenberg verübte im Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler, wofür er von den Nazis hingerichtet wurde. Steimles Äußerungen wurden mit Applaus aus dem Publikum quittiert; niemand auf dem Podium erhob Einspruch.
Reaktionen aus Politik und Institutionen
Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) bezeichnete das Singen der DDR-Hymne als „extrem befremdlich“ und sagte gegenüber Welt TV, dies gelte „insbesondere dann, wenn es von politischen Vertretern kommt, die ganz offensichtlich auch politische Botschaften damit verbinden wollen“. Der FDP-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Andreas Silbersack, sagte, er hätte „nie gedacht, dass die DDR-Hymne hier so wieder zelebriert werden würde“ und fügte hinzu, dass Menschen in der DDR schikaniert wurden und das System übergriffig war: „Es war eine Diktatur. Das scheinen manche heute zu vergessen.“
Es ist nicht irgendein historisches Lied, sondern die Nationalhymne eines Staates, der politische Gegner verfolgte und seinen Bürgern grundlegende Freiheitsrechte verwehrte.
Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Kai Langer, kritisierte den Vorfall ebenso wie Johannes Beleites, der Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der darin „eine Missachtung der Opfer der SED-Diktatur und eine Herabwürdigung der Menschen, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskierten oder lange Haftstrafen in Kauf nahmen“ sah.
Chrupallas Verteidigung und die Wahlkampfstimmung
Chrupalla wies die Kritik in einem Beitrag für die Junge Freiheit zurück und sagte, er verstehe die „verspannte“ Reaktion nicht. „Alles wird zum Skandal hochgejazzt. Es kann keiner mehr lachen und alles muss todernst sein. Wer eine Veranstaltung mit Uwe Steimle macht, weiß, was kommt. Es ist so erfrischend anders mit ihm.“ Er fügte hinzu, der Text der DDR-Hymne „ist grandios und passt auch heute noch“. In Sachsen-Anhalt findet am 6. September die Landtagswahl statt. Die AfD liegt in Umfragen bei rund 40 Prozent, weit vor der CDU. Der 35-jährige Siegmund hat ein 100-Tage-Programm mit mehr Abschiebehaftplätzen, einer generellen Arbeitspflicht für Asylbewerber und der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags vorgelegt.
Die Menschen wollen einen politischen Wechsel. Aber diese Wahl ist noch nicht gewonnen. Diese Demut sollten wir in uns tragen.
Eine gespaltene öffentliche Debatte
Der Vorfall hat die öffentliche Meinung gespalten. Viele in sozialen Medien und Leserkommentaren argumentieren, die Empörung sei übertrieben, und weisen darauf hin, dass die DDR-Hymne nicht verboten sei und danach die deutsche Nationalhymne gesungen wurde. Andere, darunter die Konrad-Adenauer-Stiftung, merken an, dass die Hymne in der DDR seit 1972 nicht mehr gesungen wurde, weil die Zeile „Deutschland, einig Vaterland“ der SED-Führung politisch unangenehm war. Der Historiker Stefan Wolle sagte der FAZ, das Singen der Hymne passe in eine bewusste AfD-Strategie in den ostdeutschen Bundesländern, die auf eine diffuse Stimmung abziele, in der das Leben in der DDR als schöner und gemeinschaftlicher in Erinnerung sei. „Das wird von der AfD gezielt betrieben und ist auch sehr erfolgreich“, sagte er und beschrieb, wie sich die Nostalgie älterer Wähler mit einem trotzigen Oststolz jüngerer Generationen verbinde.

