
Erdbeben in Venezuela: Zahl der Toten steigt auf 1.943, 10.000 werden noch vermisst
Bei zwei schweren Erdbeben, die Venezuela am 24. Juni erschütterten, sind mindestens 1.943 Menschen ums Leben gekommen und über 10.500 verletzt worden. Im besonders hart getroffenen Bundesstaat La Guaira werden noch etwa 10.000 Menschen vermisst.
Die Erdbeben
Am Mittwochabend, dem 24. Juni, erschütterten zwei schwere Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 den Westen Venezuelas – im Abstand von nur 39 Sekunden. Das Epizentrum lag westlich der Hauptstadt Caracas. Seitdem wurden über 600 Nachbeben registriert, darunter ein Beben der Stärke 4,2 am Montag, das neue Besorgnis auslöste.
Nach Angaben von Jorge Rodríguez, dem Präsidenten der Nationalversammlung, wurden bis Dienstag mindestens 1.943 Tote bestätigt und mehr als 10.500 Menschen verletzt. Allein im Küstenstaat La Guaira befanden sich zum Zeitpunkt der Beben etwa 30.000 Menschen in den Städten Catia La Mar und Caraballeda. Rodríguez zufolge konnten 13.500 Menschen eigenständig fliehen, weitere 6.400 wurden in den folgenden Tagen gerettet. Etwa 10.000 Menschen werden noch vermisst; zu ihrem Schicksal machte er keine weiteren Angaben.
Ein Modell des USGS schätzt, dass die endgültige Zahl der Todesopfer in die Zehntausende gehen könnte. Satellitenbilder der NASA deuten darauf hin, dass in der betroffenen Zone etwa 58.870 Gebäude beschädigt oder zerstört wurden, während Rodríguez die Zahl der eingestürzten oder schwer beschädigten Bauwerke mit 855 angab.
Rettungen und schwindende Hoffnung
Sechs Tage nach der Katastrophe schwindet die Hoffnung, Überlebende zu finden. Dennoch durchkämmen Rettungsteams aus Venezuela und zahlreichen anderen Ländern weiterhin die Trümmer. Jordanische Rettungskräfte zogen am Dienstag einen dreijährigen Jungen lebend aus den Trümmern. Einen Tag zuvor war ein zwölfjähriger Junge von einem Team aus Ecuador gerettet worden, nachdem er fünf Tage lang verschüttet gewesen war. Insgesamt, so Rodríguez, seien mehr als 6.400 Menschen gerettet worden, wobei die tatsächliche Zahl der Überlebenden – einschließlich derer, die mit Hilfe von Familie und Freunden entkommen konnten – bei näher an 20.000 liegen dürfte.
Ein Schweizer Rettungsteam mit 80 Spezialisten und acht Suchhunden ist im Einsatz und arbeitet in Zwölf-Stunden-Schichten. Auch zwei deutsche Teams (eines von der Bundesanstalt THW und eines von der NGO @fire) sind im Einsatz. Das deutsche Außenministerium erklärte, es gebe keine Hinweise auf deutsche Opfer.
- Zwei Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 erschüttern Westvenezuela im Abstand von 39 Sekunden.
- Such- und Rettungsaktionen beginnen; Hunderte Nachbeben werden registriert.
- Ein zwölfjähriger Junge wird nach fünf Tagen unter Trümmern gerettet. Ein Nachbeben der Stärke 4,2 löst Alarm aus.
- Ein dreijähriger Junge wird gerettet; die Zahl der Todesopfer erreicht 1.943, 10.000 werden noch vermisst.
Die Tragödie des Abschiebeflugs
Unter den Toten befinden sich 135 Passagiere eines US-Abschiebeflugs, der am Tag der Erdbeben in Caracas gelandet war. Der Flug, der aus Texas kam, beförderte 147 venezolanische Abgeschobene, wie die italienische Tageszeitung Corriere della Sera berichtete. Nur 12 überlebten. Die Gruppe war in das Hotel Santuario La Llanada in La Guaira gebracht worden, um die Einreiseformalitäten abzuschließen, als die Beben Stunden später zuschlugen. Das Hotel wurde fast vollständig zerstört.
Politische Spannungen und die bereits bestehende Krise
Die Wut auf die Behörden wächst. In sozialen Medien kursieren Videos, in denen Angehörige energischere Rettungsmaßnahmen fordern und ihre Angst vor Plünderungen äußern. In einem Video schreit ein Mann bewaffnete Soldaten an, sie sollten mit Spitzhacken und Schaufeln helfen, woraufhin die Soldaten begannen, Trümmer zu räumen, so die Journalistin Maryorin Méndez. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez wurde bei einem Rundgang in Caracas am Freitag ausgebuht und am Sonntag dafür kritisiert, dass sie in einem heiklen Moment ein als bloßes Protokolltreffen bezeichnetes Gespräch mit internationalen Rettungsteams führte.
Venezuela befand sich bereits vor den Erdbeben in einem fragilen Zustand. Das Land kämpft mit politischen Wirren, wirtschaftlichem Zusammenbruch und einer der größten Migrationskrisen der Welt. Im Januar führte Washington eine Militäroperation durch, die zur Festnahme des autoritären Führers Nicolás Maduro führte. Die derzeitige amtierende Präsidentin war Maduros Vizepräsidentin.
Internationale Hilfe und Gesundheitswarnungen
Die Vereinten Nationen haben vor akuten Engpässen bei Nahrungsmitteln und Unterkünften für die Zehntausenden Überlebenden gewarnt. Gesundheitsexperten befürchten, dass der Katastrophe Seuchen folgen könnten. Rettungskräfte aus Jordanien, Ecuador, der Schweiz, Deutschland und anderen Nationen sind weiterhin im Einsatz, doch Experten zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, nach 72 Stunden noch lebende Menschen zu finden, inzwischen äußerst gering.


