Die Universität Erfurt veranstaltet eine wissenschaftliche Konferenz zur Filmkunst der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Veranstaltung mit dem Titel „DDR-Filmgeschichte“ zielt darauf ab, über eingefahrene Wahrnehmungsmuster der dortigen Filmproduktion hinauszugehen, die oft auf wenige Kultfilme wie „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff reduziert wird. Wissenschaftler wollen die Vielfalt und Komplexität des DDR-Kinos analysieren und dabei seinen gesellschaftspolitischen Kontext, seine Rezeption sowie seine Rolle bei der Formung einer ostdeutschen Identität berücksichtigen. Die Konferenz ist Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts der Universität, das sich der Aufarbeitung des DDR-Erbes widmet.

Ziel der Konferenz zum DDR-Kino

Die Konferenz 'DDR-Filmgeschichte' an der Universität Erfurt zielt darauf ab, das stereotype Bild des Kinos der deutschen kommunistischen Diktatur zu durchbrechen, das oft auf wenige populäre Filme reduziert wird. Es geht darum, seine genreübergreifende Vielfalt, künstlerischen Experimente und komplexen Beziehungen zur politischen Macht und Gesellschaft aufzuzeigen.

Analyse von Werken und Kontext

Die Forscher planen, konkrete Filme, das Schaffen von Regisseuren und die institutionellen Rahmenbedingungen der Filmkunst in der DDR eingehend zu analysieren. Ein Schlüsselaspekt wird sein zu verstehen, wie Filme die Realität kommentierten, die Grenzen der Zensur aushandelten und gesellschaftliche Vorstellungen unter den spezifischen Bedingungen eines undemokratischen Systems prägten.

Rezeption und kulturelles Gedächtnis

Einer der Konferenzschwerpunkte wird die Rezeption von DDR-Filmen nach der deutschen Wiedervereinigung sein. Die Wissenschaftler werden der Frage nachgehen, wie diese Werke im heutigen kulturellen Gedächtnis funktionieren, welchen Platz sie im Kanon einnehmen und wie sie im vereinten Deutschland von Zuschauern wahrgenommen wurden und werden, insbesondere angesichts der anhaltenden Debatten über das Erbe der SED-Diktatur.

Forschungsprojekt der Universität

Die Konferenz ist kein Einzelereignis, sondern Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts der Universität Erfurt, das sich einer vielschichtigen und kritischen Aufarbeitung des DDR-Erbes widmet. Dies umfasst nicht nur Kultur und Kunst, sondern auch die soziale, wirtschaftliche und politische Geschichte des ehemaligen deutschen Staates.

Die Universität Erfurt stellt sich der anspruchsvollen Aufgabe einer vertieften Analyse der Filmkunst der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und veranstaltet dazu eine Fachkonferenz. Die Veranstaltung mit dem Titel „DDR-Filmgeschichte“ ist ein Versuch, über vereinfachende, oft sentimentale oder ideologische Narrative zum ostdeutschen Film hinauszugehen. Wie der Konferenztitel – „Mehr als ‚Das kalte Herz‘“ – andeutet, wollen die Organisatoren auf den Reichtum und die Komplexität der dortigen Filmproduktion aufmerksam machen, die jahrzehntelang im Schatten großer Propaganda und allgegenwärtiger Zensur stand. Ziel ist nicht nur eine Katalogisierung der Werke, sondern das Verständnis der Kinematografie als System, in dem künstlerische Ambitionen auf politische Direktiven trafen und Zuschauer in den Leinwandgeschichten sowohl Unterhaltung als auch subtile Kommentare zu ihrer Realität suchten. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) existierte von 1949 bis 1990 als sozialistischer Staat im Einflussbereich der Sowjetunion. Ihre Filmkunst, verwaltet vom staatlichen Monopol DEFA (Deutsche Film-Aktiengesellschaft), produzierte jährlich mehrere Dutzend Spielfilme, Dokumentarfilme und Animationsfilme. Sie agierte unter strenger parteilicher Kontrolle, unterlag der Zensur, und ihre Schaffenden mussten zwischen Loyalität zum Regime und künstlerischer Autonomie balancieren. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 gerieten viele DEFA-Filme in Vergessenheit, während einige wenige, wie der erwähnte „Das kalte Herz“ (1950) oder „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), Kultstatus behielten, oft jedoch losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext. Die Konferenz in Erfurt zielt darauf ab, diesen Kontext wiederherzustellen und eine vielschichtige Analyse durchzuführen. Die Wissenschaftler wollen sich nicht nur kanonischen Werken widmen, sondern auch weniger bekannten, experimentellen Filmen, Dokumentationen und Fernsehproduktionen. Schlüssig wird die Untersuchung der Entstehungsmechanismen sein – vom Drehbuch über den Produktionsprozess in den DEFA-Studios bis hin zu Verbreitung und gesellschaftlicher Rezeption. Ein wichtiges Thema bleibt das Verhältnis zwischen den Kreativen und der Macht: auf welche Weise Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler Inhalte mit der Zensur aushandelten, Kritik äußerten oder die offizielle politische Linie der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) unterstützten. Auch der Blick auf das DDR-Kino als Träger kultureller Erinnerung und ostdeutscher Identität wird nicht fehlen, was im Kontext aktueller Debatten über die deutsche Einheit und die sogenannte „Ostalgie“ besonders relevant ist. Die Veranstaltung fügt sich in ein breiteres Forschungsprojekt der Universität Erfurt ein, das sich einer umfassenden Aufarbeitung des DDR-Erbes widmet. Erfurt, in Thüringen gelegen, das Teil der DDR war, ist ein natürlicher Ort für solche Forschungen. Die wissenschaftliche Einrichtung versucht, eine neutrale Plattform zu bieten, auf der das Erbe der Diktatur ohne Vereinfachungen, sei es Dämonisierung oder Idealisierung, analysiert werden kann. Die filmwissenschaftliche Konferenz ist somit ein Baustein dieses größeren Vorhabens, das darauf abzielt, das komplizierte Vermächtnis eines Staates zu verstehen, der vierzig Jahre lang das Leben von Millionen Menschen prägte. Ihre Ergebnisse können einen wichtigen Beitrag zu akademischen Diskussionen nicht nur über Filmgeschichte, sondern auch über die Funktionsmechanismen von Kultur in autoritären Systemen und die langfristigen Folgen solcher Erfahrungen für eine Gesellschaft leisten.

Mentioned People

  • Wilhelm Hauff — Deutscher Schriftsteller der Romantik, Autor des Märchens 'Das kalte Herz', das in der DDR verfilmt wurde.