Das Landgericht Kassel plant, im Sommer dieses Jahres den Prozess um den Skandal um vergiftete Wurst des Unternehmens Wilke zu beginnen. Die Ermittlungen betreffen den Tod von drei Personen, die nach dem Verzehr von mit dem Bakterium Listeria monocytogenes kontaminierten Produkten verstarben. Auf der Anklagebank wird der ehemalige Geschäftsführer des Unternehmens sitzen, dem fahrlässige Tötung vorgeworfen wird. Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen schwerer Versäumnisse in der Hygiene- und Produktionskontrolle an, die zum Ausbruch einer bundesweiten Listeriose-Epidemie führten. Der Fall ist einer der schwerwiegendsten Vorfälle im Zusammenhang mit Lebensmittelsicherheit in der deutschen Geschichte.

Das Landgericht Kassel bereitet sich auf einen der medienwirksamsten Strafprozesse im Zusammenhang mit Lebensmittelsicherheit in der deutschen Geschichte vor. Die Hauptanklage richtet sich gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Firma Wilke Wurstwaren, Frank U. Ihm wird fahrlässige Tötung in drei Fällen, Gefährdung der Körperintegrität sowie zahlreiche Verstöße gegen das Lebensmittelrecht vorgeworfen. Der Prozess soll in der zweiten Hälfte des Sommers 2026 beginnen. Kernpunkt der Anklage ist die Behauptung, dass die Versäumnisse des Angeklagten zum Ausbruch einer bundesweiten Listeriose-Epidemie führten, die durch kontaminierte Fleischprodukte ausgelöst wurde. Listeriose ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Listeria monocytogenes verursacht wird, das in der Umwelt weit verbreitet ist. Für gesunde Menschen verläuft die Infektion oft mild, stellt aber eine ernsthafte Lebensgefahr für ältere Menschen, Schwangere, Neugeborene und Personen mit geschwächtem Immunsystem dar. Dieses Bakterium hat die einzigartige Fähigkeit, sich bei niedrigen Temperaturen zu vermehren, was es zu einer besonders gefährlichen Kontamination für gekühlte Lebensmittel macht. Der Skandal kam im Herbst 2019 ans Licht, als die Lebensmittel- und Veterinärbehörden den sofortigen Rückruf aller Produkte der Firma Wilke aus dem Verkehr anordneten. Die Entscheidung fiel, nachdem in den Produkten gefährlich hohe Konzentrationen des Bakteriums Listeria monocytogenes nachgewiesen wurden. Infolge des Verzehrs kontaminierter Lebensmittel wurden bis Juli 2020 insgesamt 187 bestätigte Fälle von Listeriose registriert. Davon starben 60 Personen, jedoch hat die Staatsanwaltschaft Fritzlar nach einer mehrjährigen und äußerst komplexen Ermittlung den Tod von drei konkreten Personen direkt mit der Kontamination aus dem Wilke-Werk in Verbindung gebracht: zwei Frauen im Alter von 81 und 89 Jahren sowie eines 92-jährigen Mannes. Ihre Todesfälle ereigneten sich zwischen April und Juli 2019. Die Ermittlungen, die zur Anklage führten, waren ein gigantisches logistisches und rechtliches Unterfangen. Die Staatsanwaltschaft sammelte über 200 Aktenbände und verhörte etwa 300 Zeugen. Das Beweismaterial deutet auf tiefgreifende systemische und langjährige Versäumnisse im Produktionswerk in Twistetal im Bundesland Hessen hin. Bereits 2017 wurde im Werk das Vorhandensein von Listeria-Bakterien festgestellt, und interne Qualitätskontrollunterlagen wurden vorsätzlich gefälscht, um das Problem zu vertuschen. Trotz zahlreicher Interventionen und offizieller Anordnungen durch Beamte des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit unternahm die Firmenleitung keine wirksamen Korrekturmaßnahmen. „Die Anklage stützt sich auf eine umfassende und jahrelange Aufarbeitung der komplexen Tatsachen.” — Prokuratura w Fritzlar Der technische und hygienische Zustand des Werks wurde als katastrophal beschrieben. Es kam zu Leckagen, Ansammlungen von Schmutz und Produktresten an schwer zugänglichen Stellen, was ideale Bedingungen für die Entwicklung von Krankheitserregern schuf. Das Unternehmen, ein mittelständischer Produzent, belieferte Handelsketten, Kantinen und die Gastronomie in ganz Deutschland, was zur weiten Verbreitung der Epidemie beitrug. Der Wilke-Skandal hatte weitreichende Konsequenzen, die über das Strafverfahren hinausgingen. Er führte zu einer grundlegenden Kritik am deutschen Lebensmittelüberwachungssystem, das zwischen Bundesbehörden (Robert Koch-Institut, Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) und Landesbehörden aufgeteilt ist. Infolge des Vorfalls wurde der Informationsaustausch zwischen diesen Institutionen verstärkt und die Meldeprozeduren verschärft. Die Firma Wilke wurde geschlossen und liquidiert, ihr Vermögen verkauft. Der bevorstehende Prozess wird nicht nur eine Abrechnung mit der individuellen Verantwortung des Geschäftsführers sein, sondern auch ein gesellschaftlicher Test für die Wirksamkeit des Rechtssystems beim Schutz der grundlegenden Sicherheit der Verbraucher.<bias left=