
IG Metall und Betriebsrat zwingen VW-Vorstand zu Überprüfungsgesprächen über 100.000 Stellenstreichungen
Gewerkschaftsführer und Arbeitnehmervertreter beriefen sich am 11. September 2026 auf eine Vertragsklausel aus dem Dezember 2024 und forderten das Management auf, zu erläutern, wie es Investitionszusagen und Arbeitsplatzgarantien einhalten will.
Gewerkschaft verlangt formelle Überprüfungsgespräche
Die Tarifkommission der IG Metall stimmte am 11. September 2026 einstimmig dafür, eine formelle Überprüfungsklausel aus ihrem Tarifvertrag mit Volkswagen vom Dezember 2024 zu aktivieren. Der Gewerkschaftsbezirksleiter Thorsten Gröger und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo gaben den Schritt auf einer Pressekonferenz in Laatzen bei Hannover bekannt. Die Arbeitnehmervertreter fordern formelle Gespräche vor Ende des dritten Quartals im September 2026, um die Einhaltung früherer Zusagen des Unternehmens zu Investitionen, Zukunftsmodellen und Produktionsprozessen zu überprüfen. Die Berufung auf die Klausel hebt den Tarifvertrag nicht auf, der Bestimmungen zur Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 enthält. Sollten beide Seiten in den bevorstehenden Gesprächen zu keiner Verständigung gelangen, so könne der Streit nach Angaben der Gewerkschaftsvertreter an eine offizielle Schlichtungsstelle verwiesen werden.
Thorsten Gröger erläuterte auf der Pressekonferenz in Niedersachsen den Zweck der formellen Initiative.
Wir fordern das Unternehmen auf, an den Tisch zu kommen und uns zu erklären, wie der Tarifvertrag eingehalten wird.
Tiefere Einschnitte lösen Alarm bei den Beschäftigten aus
Die Spannungen zwischen den Tarifparteien eskalierten, nachdem der Volkswagen-Aufsichtsrat einen neuen Restrukturierungsplan gebilligt hatte, der weltweit den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen vorsieht. Die neue Entscheidung kommt zu den bereits seit 2024 vereinbarten 50.000 Stellenstreichungen bei Volkswagen, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad hinzu und erhöht die Gesamtzahl auf 50.000 zusätzliche Stellen weltweit. In Deutschland steigt der geplante Stellenabbau auf mindestens 75.000 Stellen, begleitet von einer 25-prozentigen Reduzierung der Führungspositionen. Vertreter des Betriebsrats berichteten, dass Äußerungen von Vorstandsmitgliedern in jüngsten Betriebsversammlungen in den Werken große Verunsicherung ausgelöst hätten. Daniela Cavallo wies darauf hin, dass die Beschäftigten in Emden und Zwickau alle vereinbarten Bedingungen für Fahrzeugzuweisungen erfüllt hätten, das Management jedoch klare Antworten zu künftigen Produktionsplänen vermissen lasse.
Daniela Cavallo äußerte sich zur wachsenden Angst in den Montagehallen.
Diese Unsicherheit kann für unsere Belegschaft an den Standorten nicht weitergehen.
Restrukturierungsziele und Ungewissheit für die Werke
Der Autokonzern strebt bis 2030 eine operative Umsatzrendite von 9 Prozent auf Basis weltweiter Auslieferungen von rund neun Millionen Fahrzeugen an – ein Programm, das Gewinnverbesserungen in Höhe von 31 Milliarden Euro erfordert. Die operative Marge lag in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 bei 3,8 Prozent. Im Rahmen des genehmigten Restrukturierungsplans sinkt das Investitionsbudget des Konzerns auf 135 Milliarden Euro, während die europäische Produktionskapazität um mehr als 500.000 Fahrzeuge reduziert wird. Vier deutsche Produktionsstandorte (Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm) stehen vor einer ungewissen Zukunft. Sie haben eine Bewährungsfrist bis Ende Juni 2027 erhalten, um bestimmte Kostenziele zu erreichen. Das Werk in Osnabrück soll derweil an einen Investor und das Land Niedersachsen zur Umwandlung in eine Rüstungsproduktionsstätte verkauft werden.
- H1 2026
- 3.8 %
- Ziel 2030
- 9 %
Volkswagen plant zudem, die Hälfte seiner Modellpalette zu streichen, darunter die Einstellung des ID.5 und eine Reduzierung der Ausstattungsvarianten um bis zu 75 Prozent.
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- Bewährungsfrist für die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm läuft aus
- Volkswagen strebt eine operative Marge von 9 Prozent bei neun Millionen verkauften Fahrzeugen an
Reaktion des Managements und Marktdruck
Das Volkswagen-Management reagierte schriftlich, begrüßte die gewerkschaftliche Forderung nach Gesprächen und bestätigte seine Bereitschaft, noch vor Ende September 2026 zusammenzutreffen. Das Unternehmen erklärte, direkte Gespräche seien notwendig, um die Vereinbarungen von 2024 umzusetzen und gleichzeitig strukturelle Herausforderungen im europäischen Automobilsektor zu bewältigen. In seiner Stellungnahme verwies der Autobauer auf steigende geopolitische Spannungen, Handelshemmnisse und die Konkurrenz durch mehr als 100 neue Fahrzeugmarken aus China, die nach Europa expandieren. Die Betriebsratsspitze rief die europäischen politischen Entscheidungsträger ebenfalls dazu auf, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber subventionierten ausländischen Herstellern zu schaffen, anstatt die strukturellen Lasten der Industrie vollständig den Tarifverhandlungen zu überlassen.


