Deutschland erteilt Taliban-Delegation 30-Tage-Visa zur Beschleunigung von Abschiebungen nach Kabul
Eine dreiköpfige Delegation der afghanischen De-facto-Regierung ist mit in Katar ausgestellten 30-Tage-Visa an der afghanischen Botschaft in Berlin eingetroffen, um Identitätsdokumente für Abschiebungen vorzubereiten.
Ankunft der technischen Delegation
Drei Taliban-Diplomaten sind nach Deutschland eingereist, nachdem sie von der deutschen diplomatischen Vertretung in Katar 30-Tage-Visa erhalten hatten. Die Delegation ist in der afghanischen Botschaft im Berliner Ortsteil Grunewald stationiert, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk NDR am Freitagabend berichtete. Das Auswärtige Amt bestätigte die Anwesenheit der drei Personen und bezeichnete sie als temporäres technisches Unterstützungsteam, das mit der Einrichtung administrativer Verfahren für Abschiebungen beauftragt ist. Die deutschen Behörden benötigen von der afghanischen De-facto-Regierung anerkannte Identitätspapiere und Reisedokumente, um Rückführungen durchführen zu können. Die Bundesregierung genehmigte die Einreise des Teams, um die im Koalitionsvertrag festgelegten Ziele zur Rückführung von Personen mit rechtlicher Ausreisepflicht zu erfüllen.
Konsularische Integration und politische Führung
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat sich als wichtigster politischer Treiber der Abschiebungsoffensive profiliert und ein explizites Ziel zur Steigerung der Rückführungszahlen gesetzt. Um diese Verfahren zu erleichtern, erlaubte die Bundesregierung den Taliban in den vergangenen Monaten, einzelne Diplomaten in afghanischen Vertretungen in Deutschland zu stationieren. Diese Regelung ermöglichte es Vertretern des Kabuler Regimes, die Kontrolle über die Botschaft in Berlin sowie die Generalkonsulate in Bonn und München zu übernehmen. Vor diesen Ernennungen waren die afghanischen diplomatischen Einrichtungen in Deutschland ausschließlich mit Diplomaten besetzt, die unter der vorherigen afghanischen Regierung akkreditiert worden waren. Deutschlands Vorgehen steht im Gegensatz zur Politik Österreichs und zahlreicher anderer europäischer Länder, die sich geweigert haben, von den Taliban ernannte Beamte in afghanischen diplomatischen Missionen auf ihrem Hoheitsgebiet arbeiten zu lassen.
Das Auswärtige Amt erläuterte die logistischen Gründe für die Zulassung des technischen Personals in einer offiziellen Stellungnahme.
Für das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel, Rückführungen nach Afghanistan durchzuführen, müssen Dokumente ausgestellt werden, die die De-facto-Regierung anerkennt.
Rückführungsflüge und operative Hindernisse
Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden seit Beginn der aktuellen Legislaturperiode insgesamt 228 afghanische Männer abgeschoben. Diese Abschiebeflüge konzentrierten sich in erster Linie auf verurteilte Straftäter, und die Behörden haben bislang ausschließlich männliche Staatsangehörige zurückgeführt. Der jüngste Charterflug startete am Dienstag vom Flughafen Leipzig/Halle und transportierte 23 Abzuschiebende direkt nach Kabul. Die operative Koordination war in den vergangenen Monaten von Reibungen geprägt, was zur Absage eines geplanten Sammelabschiebeflugs Anfang Juni führte. Dieser Flug wurde gestoppt, nachdem die Taliban-Behörden die Zusammenarbeit verweigert hatten und ihre Unzufriedenheit mit dem aus ihrer Sicht unzureichenden Dialogwillen von Beamten des Auswärtigen Amtes zum Ausdruck brachten.
- Ein geplanter Sammelabschiebeflug wird aufgrund mangelnder Kooperation der Taliban-Behörden abgesagt.
- Ein Charterflug mit 23 afghanischen Staatsangehörigen startet vom Flughafen Leipzig/Halle nach Kabul.
- Der NDR berichtet über die Ankunft von drei Taliban-Delegierten in Berlin mit 30-Tage-Visa.
Anerkennungsstreit und parlamentarische Kritik
Die Bundesregierung betont, dass die Zusammenarbeit auf Arbeitsebene keine offizielle diplomatische Anerkennung des Taliban-Regimes in Kabul darstelle. Die Entscheidung, Visa zu erteilen und die konsularische Kontrolle zu ermöglichen, hat jedoch Kritik von parlamentarischen Gegnern, insbesondere innerhalb der Grünen, hervorgerufen. Kritiker argumentieren, dass die Gewährung praktischer Zugeständnisse an die islamistische Führung Deutschlands Haltung zu Menschenrechtsverletzungen untergräbt, insbesondere zu den schwerwiegenden Einschränkungen für Frauen und Mädchen in Afghanistan. Regierungsvertreter entgegnen, dass direkte technische Zusammenarbeit weiterhin notwendig sei, um durchsetzbare Dokumente für ausreisepflichtige Personen zu erhalten. Die zu Besuch weilenden Taliban-Mitarbeiter sollen ihre technische Mission vor Ablauf ihrer 30-Tage-Visa abschließen.


