
Klingbeil weist Steuerkritik der CDU zurück – deutsches Kabinett bereitet 10-Milliarden-Reform vor
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kritisierte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, nachdem ihr Ministerium vor der Kabinettsabstimmung über ein 10-Milliarden-Euro-Reformpaket breitere Steuersenkungen gefordert hatte.
Koalitionsspannungen verschärfen sich in der Steuerpolitik
Am 1. September 2026 brach in der deutschen Regierungskoalition ein Streit über den Entwurf der Einkommensteuerreform aus. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) stellte infrage, ob das von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) vorbereitete Paket ausreichende Steuerentlastungen biete. Ihr Ministerium reichte vor der für Mittwoch angesetzten Kabinettssitzung ein Schreiben mit Forderungen nach zusätzlichen Steuersenkungen ein. Klingbeil, der sich während eines G20-Finanzministertreffens in Asheville in den Vereinigten Staaten aufhielt, wies die Kritik seiner Koalitionskollegin zurück.
Eine Opposition in der Regierung wird am Ende allen schaden.
Klingbeil rief zur Kabinettssolidarität auf und argumentierte, dass die Einheit der Regierung unerlässlich sei, wenn rechtsextreme Kräfte versuchten, das Land zu übernehmen.
Streit um kalte Progression und wirtschaftliche Entlastung
Der Riss dreht sich um inflationsbedingte Steuererhöhungen, die sogenannte kalte Progression. In einem Schreiben an Finanzstaatssekretär Rolf Bösinger argumentierte Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Steffen, dass der Entwurf den allgemeinen Progressionsausgleich vernachlässige.
Die derzeitige Bundesregierung wäre die erste Bundesregierung seit 2015, die einen vollständigen Abbau der kalten Progression nicht gesetzlich vorschreibt.
Steffen bezeichnete das Ergebnis als eine verdeckte, inflationsgetriebene Steuererhöhung. Das Wirtschaftsministerium forderte eine Prüfung einer umfassenderen Steuerreform, einschließlich Anpassungen der Spitzensteuersatzgrenze und der möglichen Abschaffung des Solidaritätszuschlags für alle Steuerzahler. Trotz des formellen Schreibens erklärte das Wirtschaftsministerium in einer Folgemitteilung, es habe den Entwurf in der Ressortabstimmung unterstützt und werde im Kabinett dafür stimmen.
- Der Koalitionsausschuss einigt sich auf den Grundrahmen für die Einkommensteuerreform
- Schreiben des Wirtschaftsministeriums kritisiert Steuerentwurf vor den Kabinettsberatungen
- Bundeskabinett soll den Gesetzentwurf formell verabschieden
- Erste Phase der Steuerentlastung soll in Kraft treten
- Zweite Stufe tritt in Kraft und erreicht eine jährliche Entlastung von 10 Milliarden Euro
Wichtige Maßnahmen und Finanzierungsmechanismen
Der Gesetzentwurf setzt die am 1. Juli 2026 vom Koalitionsausschuss erzielten Vereinbarungen in Gesetze um und zielt auf eine jährliche Entlastung von zehn Milliarden Euro bis 2028 im Vergleich zu 2026 ab. Ohne Gegenfinanzierungsmaßnahmen beträgt die Nettoentlastung rund 5,5 Milliarden Euro. Die Gesetzgebung bringt Entlastungen durch einen höheren Grundfreibetrag, eine erhöhte Schwelle für den Spitzensteuersatz, einen höheren Werbungskostenpauschbetrag und ein höheres Kindergeld. Nach Angaben des Finanzministeriums wird eine Familie mit zwei Kindern und mittlerem Einkommen jährlich über 600 Euro sparen. Der Plan erhöht auch die Obergrenze des Stundenlohns, der für steuerfreie Sonn- und Feiertagszuschläge in Frage kommt, von 50 Euro auf 75 Euro.
- Aktuelle Grenze
- 50 €
- Vorgeschlagene Grenze
- 75 €
Zur Finanzierung der Entlastungen plant die Regierung die Einführung einer zweiten Spitzensteuerstufe, der sogenannten Superreichensteuer. Nach diesem Mechanismus greift der bestehende Steuersatz von 45 % früher für Einkommen ab 250.000 Euro, während ein neuer Steuersatz von 47 % für Einkommen ab 280.000 Euro in Kraft tritt.
Parlamentarisches Verfahren und Kritik der Wirtschaft
Klingbeil verteidigte die gezielte Ausrichtung und betonte, dass der Fokus auf Familien sowie Gering- und Mittelverdienern liege. Er stellte fest, dass die CDU SPD-Vorschläge zur Finanzierung umfassenderer Entlastungen durch eine Reform der Erbschaftsteuer abgelehnt habe. Während die Kabinettszustimmung am Mittwoch den ersten formellen Schritt darstellt, muss der Gesetzentwurf anschließend den Bundestag passieren, wo die Abgeordneten Bestimmungen ändern können. Klingbeil zeigte sich offen für Anpassungen im Parlament, sofern alternative Finanzierungsquellen gefunden werden. Wirtschaftsvertreter äußerten Unzufriedenheit mit dem Paket und warnten, dass es die Wirtschaft nicht wiederbeleben könne.
Von einem spürbaren Entlastungssignal für die Unternehmen kann keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall, es kommen zusätzliche Belastungen hinzu.
Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie erklärte, dass die angekündigten zehn Milliarden Euro Entlastung in der Praxis weitgehend verpufften, da das Gesetz keinen umfassenden Abbau der kalten Progression vorsehe.


