
Staatsanwaltschaft Lissabon benennt drei Beschuldigte im tödlichen Unglück der Elevador da Glória
Knapp ein Jahr nach dem Unfall mit 16 Toten hat die Staatsanwaltschaft Lissabon einen ehemaligen Carris-Direktor, einen Wartungsleiter und das beauftragte Unternehmen als formelle Beschuldigte benannt.
Formelle Beschuldigte im Strafverfahren
Die Staatsanwaltschaft Lissabon – Abteilung für Untersuchung und Strafverfolgung (DIAP) – hat in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei drei formelle Beschuldigte (arguidos) im Zusammenhang mit dem Unglück der Elevador da Glória benannt. Dabei handelt es sich um Filipe Fraga, den ehemaligen Direktor für Elektro-Instandhaltung beim städtischen Verkehrsbetrieb Carris, Gustavo Pita Soares, geschäftsführenden Gesellschafter der Wartungsfirma MNTC, sowie die Firma MNTC selbst. Carris hatte nach dem Unglück sämtliche Wartungsverträge mit MNTC gekündigt. Die Staatsanwaltschaft bereitet eine Anklage wegen des Verdachts auf Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften mit Todesfolge vor – eine Straftat, die mit drei bis zehn Jahren Haft bestraft werden kann, bei Fahrlässigkeit mit zwei bis acht Jahren. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, die Ermittlungen abzuschließen und noch vor Ende 2026 Anklage zu erheben.
- Elevador da Glória entgleist in Lissabon, 16 Tote und 24 Verletzte
- Strup/Fectrans stellt Fragen zu Sicherheit und Auslagerung an Carris und die Stadt Lissabon
- GPIAAF veröffentlicht vorläufigen Bericht mit Hinweisen auf nicht zertifiziertes Seil und Montagefehler
- Staatsanwaltschaft benennt Filipe Fraga, Gustavo Pita Soares und MNTC als formelle Beschuldigte
- Gewerkschaft hält Gedenkfeier zum Jahrestag an der Calçada da Glória um 10:30 Uhr
- Staatsanwaltschaft plant, Anklage im Strafverfahren zu erheben
- Endgültiger offizieller Unfallbericht nach wiederholten Verzögerungen erwartet
Technisches Versagen und nicht zertifizierte Ausrüstung
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf schwerwiegende Mängel bei Wartung und Montage, die bei technischen Untersuchungen der Standseilbahn festgestellt wurden. Ein vorläufiger Bericht der portugiesischen Behörde für Unfallverhütung und -untersuchung im Luft- und Bahnverkehr (GPIAAF) ergab, dass das gerissene Zugseil nicht für den Personentransport zertifiziert war und nicht betriebskompatibel mit den Drehgelenken war. Ein bereits vor dem Unglück erstelltes ingenieurtechnisches Gutachten hatte gewarnt, dass das Seil ungeeignet sei und nur als vorübergehende Maßnahme unter strenger Überwachung eingesetzt werden dürfe. Darüber hinaus fanden die Ermittler Hinweise darauf, dass die Bremssysteme der Standseilbahn von Technikern möglicherweise absichtlich herabgesetzt worden waren, um Blockaden der Kabinen während der Talfahrt auf der steilen Strecke zu verhindern.
- Todesfälle
- 16 Personen
- Verletzte
- 24 Personen
Politische Spannungen und Forderungen der Gewerkschaft
Bei dem Unglück am 3. September 2025 kamen 16 Menschen ums Leben, 24 weitere wurden verletzt – darunter Staatsangehörige von 15 Nationen. Unter den Toten war auch der 40-jährige Carris-Bremser André Marques, Vater von zwei Kindern. Die Verkehrsgewerkschaft Strup/Fectrans kritisierte die Stadtverwaltung und die Carris-Führung dafür, dass seit dem 17. September 2025 keine offiziellen Anfragen beantwortet worden seien. Gewerkschaftsvertreter stellen weiterhin die Frage, ob die Auslagerung der Wartung an private Auftragnehmer die Servicequalität beeinträchtigt und ob das Fahrgastwachstum notwendige Sicherheitsanpassungen erforderlich gemacht habe.
Strup/Fectrans wandte sich in einer offiziellen Stellungnahme an die Carris-Mitarbeiter zur anhaltenden Verzögerung der offiziellen Untersuchungsergebnisse.
Auch wenn die entscheidenden Antworten nur der endgültige Bericht der offiziellen Stellen geben kann, der erneut – nun auf nächstes Jahr – verschoben wurde, kann Strup/Fectrans nicht umhin, weiterhin auf das gewählte Modell hinzuweisen, die Wartung der Standseilbahnen an private Unternehmen auszulagern, als eine der Ursachen für dieses Unglück, das im Gedächtnis bleiben muss, damit dieselben Fehler nicht wiederholt werden.
Reaktion der Stadtverwaltung und bevorstehende Gedenkfeiern
Der Lissaboner Stadtrat unter Führung einer Koalition aus PSD, CDS-PP und IL unter Bürgermeister Carlos Moedas hatte zuvor Hilfspakete für die Opfer verabschiedet, die Entwicklung eines modernisierten technischen Systems für die Standseilbahn sowie die Errichtung einer Gedenkstätte an der Calçada da Glória in Auftrag gegeben. Oppositionspolitiker der Sozialistischen Partei kritisierten die Verwaltung dafür, Informationen zurückzuhalten, und warfen den Stadtoberen eine Verzögerungstaktik vor, um öffentliche Debatten zu vermeiden. Weder die Glória- noch die Lavra-Standseilbahn unterlagen der Aufsicht des Instituts für Mobilität und Verkehr. Gewerkschaftsmitglieder werden am 3. September 2026 um 10:30 Uhr eine Gedenkfeier abhalten und am Fuße der Calçada da Glória einen Blumenkranz niederlegen, um an den Jahrestag zu erinnern.


