
Rheinpegel erreicht Juli-Rekordtief und gefährdet Wasserversorgung und deutsches BIP-Wachstum
Anhaltend niedriges Wasser auf Europas meistbefahrener Binnenwasserstraße zwingt Frachtschiffe zu einem Bruchteil ihrer Kapazität, treibt die Frachtkosten in die Höhe und könnte das ohnehin schwache Sommerwachstum Deutschlands zunichtemachen, warnen Ökonomen.
Rekordtiefe Pegelstände
Der Wasserstand am Engpass Kaub fiel am Dienstagnachmittag auf 27 Zentimeter, nur 2 Zentimeter über dem Allzeittief von 25 Zentimetern, das am 22. Oktober 2018 gemessen wurde. Am Dienstagmorgen lag er noch bei 30 Zentimetern, nachdem er am vorherigen Freitag 55 Zentimeter betragen hatte. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSA) prognostiziert, dass er diesen Freitag die 25-Zentimeter-Marke erreicht und am Samstag auf 24 Zentimeter fällt – ein neuer Rekord. In Lobith an der niederländischen Grenze sank die Abflussmenge auf 771 Kubikmeter pro Sekunde, der niedrigste je gemessene Juli-Wert, der den bisherigen Dürre-Rekord aus dem Jahr 1976 übertrifft.
Normalerweise erreichen Niedrigwasserstände ihren Höhepunkt gegen Ende des Sommers. Wir sind dieses Jahr sehr früh dran.
Schifffahrtsengpässe und steigende Kosten
Handelsschiffe auf Europas meistbefahrener Binnenwasserstraße können derzeit nur 15 bis 20 Prozent ihrer maximalen Kapazität laden, so Händler. Die Frachtrate für Diesel von Rotterdam nach Karlsruhe stieg innerhalb einer Woche um 56 Prozent auf 70 Euro pro Tonne. Der Pegel Kaub lag im Juli an 14 Tagen unter der kritischen Schwelle von 78 Zentimetern für die Schifffahrt, und die Bundeswasserstraßenverwaltung erwartet mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass er bis mindestens 9. August unter dieser Marke bleibt.
Analysten der Deutschen Bank Research weisen darauf hin, dass die Störung durch eine monatelange Sperrung der rechtsrheinischen Bahnstrecke für den Güterverkehr verschärft wird, die bis zum 12. Dezember andauert und eine wichtige Ausweichroute blockiert.
Wirtschaftliche Belastung
Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) schätzt, dass das Niedrigwasser das deutsche Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent schmälern könnte. Unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen würde der Rückgang die Industrieproduktion allein im Juli um etwa 0,8 Prozent und das monatliche BIP um rund 0,2 Prozent reduzieren, sagte Stefan Kooths, Leiter der Konjunktur- und Wachstumsforschung. Da viele Ökonomen bereits mit einem Sommerwachstum von nicht mehr als 0,2 Prozent rechnen, könnte die Störung Europas größte Volkswirtschaft in die Stagnation treiben.
Da die Wasserstände Anfang August wahrscheinlich nicht plötzlich über die kritische Schwelle steigen werden, dürfte die Transportkapazität auch im nächsten Monat noch einige Zeit beeinträchtigt bleiben.
- Pegel bei 55 cm
- Fällt bis zum Morgen auf 30 cm
- Weiterer Rückgang auf 27 cm
- Voraussichtlich 25 cm erreicht, gleichauf mit dem Rekord von 2018
- Voraussichtlicher Rückgang auf 24 cm, neuer Allzeittiefststand
- Bisheriger Rekordtiefststand von 25 cm
Wasserversorgung und Umweltrisiken
Der niedrige Rheinpegel führt dazu, dass Salzwasser von der Nordsee weiter ins Landesinnere vordringt und Trinkwasserentnahmen, Landwirtschaft und Industrie entlang des Flusses gefährdet. Die geringere Wassermenge verdünnt Abwasser zudem weniger effektiv, was zu höheren Schadstoffkonzentrationen führt. Verbraucher entlang des Rheins werden die Auswirkungen voraussichtlich zuerst durch steigende Preise und Einschränkungen bei der Freizeitnutzung spüren, nicht durch einen Verlust des Leitungswassers.
Ausblick und Ursachen
Trockenes Wetter in den letzten Wochen, geringere Zuflüsse aus Nebenflüssen und dem Bodensee sowie die Vorhersage weiterer hoher Temperaturen wirken zusammen, um den Fluss niedrig zu halten. Der frühe Zeitpunkt bedeutet, dass die Monate mit der höchsten Verdunstung und dem größten Wasserbedarf noch bevorstehen. Die Behörden rechnen frühestens Mitte August mit einer deutlichen Erholung.

