Qualleninvasion erzwingt Reaktorabschaltungen im französischen Kernkraftwerk Gravelines
Électricité de France hat am Mittwoch Block 3 des Kernkraftwerks Gravelines abgeschaltet, nachdem ein Quallenschwarm die Kühlwasserfilter im Nordsee-Einlasskanal blockiert hatte.
Störung an den Kühlfiltern
Ein Quallenschwarm drang am 26. August in das Meerwasserfiltersystem des Kernkraftwerks Gravelines in Nordfrankreich ein und zwang den Betreiber Électricité de France, Reaktorblöcke vom Netz zu nehmen. Der Vorfall ereignete sich gegen 16:00 Uhr am Mittwoch, als sich Meereslebewesen in der Meerwasserpumpstation ansammelten, die das Kühlwasser für die Anlage liefert. Block 3 wurde nur acht Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme nach einer früheren Quallenblockade am 10. August vom Netz genommen.
Die Teams in Gravelines haben als Vorsichtsmaßnahme den Produktionsblock Nr. 3 aufgrund eines erneuten massiven Auftretens von Quallen an den Filtersystemen der Meerwasserpumpstation abgeschaltet.
Der Betriebsstatus der Station variierte nach dem Vorfall zwischen den sechs Reaktoren. Block 4 blieb außer Betrieb, nachdem er während des ersten Quallenansturms am 10. August abgeschaltet worden war, während Block 5 bereits für planmäßige Wartungsarbeiten außer Betrieb war. Die Produktion in Block 2 wurde vorsorglich auf eine niedrigere Kapazität reduziert. Am Donnerstag traten Diskrepanzen zwischen den Betriebsberichten auf: EDF gab an, dass die Blöcke 3, 4 und 6 stillgelegt seien, während die Blöcke 1 und 2 mit reduzierter Kapazität liefen, wohingegen regionale französische Medien berichteten, dass die Blöcke 1 und 6 normal arbeiteten.
Kühlmechanik und Meeresverhalten
Das Kraftwerk Gravelines bezieht Wasser aus einem Einlasskanal, der mit der Nordsee verbunden ist, um seine Dampfkondensatoren und Reaktorsysteme zu kühlen. Die Kühlsysteme sind auf große Einlassmengen angewiesen, was ihre Filtersiebe anfällig für schwimmende Ablagerungen und dichte Konzentrationen von Meeresorganismen macht. Wenn große Quallenschwärme in diese Einlasspunkte gelangen, verstopfen sie die schützenden Trommelsiebe und schränken den für die Kühlung erforderlichen Meerwasserfluss ein.
Warme Sommertemperaturen treiben die Quallenpopulationen entlang der nordfranzösischen Küste zu Spitzenaktivitäten. Wärmeres Wasser beschleunigt das Wachstum von Oberflächenplankton, das als Hauptnahrungsquelle für mehrere heimische Quallenarten dient. Da sich Plankton bei warmem Wetter in der Nähe der Oberfläche konzentriert, wandern Quallen nach oben und treiben mit Küstenströmungen direkt in industrielle Einlasskanäle.
Anlagenkapazität und Gegenmaßnahmen
Das in der Region Hauts-de-France zwischen Dünkirchen und Calais gelegene Gravelines ist eines der größten Kernkraftwerke Westeuropas. Der Komplex besteht aus sechs Druckwasserreaktoren mit einer Leistung von jeweils 900 Megawatt. Die Anlage liefert bei voller Kapazität Grundlaststrom für das französische Stromnetz.
Um das ökologische Risiko zu managen, haben die Betreiber spezielle marine Gegenmaßnahmen ergriffen. Électricité de France hat eine operative Partnerschaft mit lokalen Fischern geschlossen, um Quallenschwärme abzufangen, bevor sie die Anlage erreichen. Die Besatzungen fangen die Quallen mit Netzen in der Nähe des Kanaleingangs und transportieren sie zur Freisetzung auf See. Trotz dieser Maßnahmen erreichen während der Hauptsaison weiterhin dichte Konzentrationen von Meereslebewesen die Einlassbarrieren.
Präzedenzfälle in europäischen Kernkraftwerken
Störungen durch Meereslebewesen haben Gravelines und andere nordeuropäische Küstenanlagen in den vergangenen Jahren beeinträchtigt. Das Kraftwerk Gravelines erlebte im August 2025 eine ähnliche Schließung, als saisonale Quallen die Einlasssiebe blockierten. Das erneute Auftreten im August 2026 markiert eine weitere sommerliche Kühlungsstörung im Komplex Hauts-de-France.
- Kernkraftwerk Torness in Schottland stellt wegen Quallenblockade ab
- Schwedens Kernkraftwerk Oskarshamn stoppt Stromerzeugung wegen Quallen in Kühlfiltern
- Kernkraftwerk Gravelines schließt vorübergehend wegen Quallen in seinen Filtern
- Erster sommerlicher Quallenzustrom erzwingt Abschaltung von Block 4 und anderen Reaktoren in Gravelines
- Block 3 wird nach der ersten Quallenstörung im August wieder ans Netz angeschlossen
- Block 3 wird als Vorsichtsmaßnahme nach einem erneuten Quallenzustrom wieder abgeschaltet
Ähnliche Vorfälle gab es in ganz Europa in den letzten zwei Jahrzehnten. Das Kernkraftwerk Torness in Schottland musste 2011 seine Reaktoren abschalten, nachdem ein Quallenschwarm die Meerwasser-Einlassfilter verstopft hatte. 2013 stellte das schwedische Kernkraftwerk Oskarshamn unter ähnlichen Umständen seine Stromerzeugung ein.

