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Film & Medien·vor 2 Std.

Dieter Nuhr nach Femizid-Witz in der Kritik – sagt Frauen, sie sollten Partner vor Sex „kennenlernen“

Der deutsche Komiker Dieter Nuhr hat mit der Aussage, Frauen sollten ihre Partner vor dem Sex erst kennenlernen, um nicht ermordet zu werden, breite Empörung ausgelöst. Der öffentlich-rechtliche Sender RBB sieht die Äußerungen durch die Kunstfreiheit gedeckt.

Der Witz, der den Sturm auslöste

Am 18. Juni thematisierte der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr in seiner ARD-Sendung „Nuhr im Ersten XXL“ das Thema Femizid. Er räumte ein, dass in Deutschland jedes Jahr 300 bis 350 Frauen ermordet werden, argumentierte aber, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau unter Millionen von Männern auf einen Mörder treffe, sei „praktisch null“. Dann fügte er hinzu:

Um auf Nummer sicher zu gehen, wäre es vielleicht keine schlechte Idee, den Partner vor dem Sex kennenzulernen.

— Dieter Nuhr
Das Studiopublikum lachte und applaudierte. Tage später kursierte ein Clip des Ausschnitts in den sozialen Medien.

Zeitstrahl der Kontroverse um Nuhrs Femizid-Witz
  1. 18. Juni 2026Nuhr macht einen Femizid-bezogenen Witz in ‚Nuhr im Ersten XXL‘
  2. 25. Juni 2026Ein Clip der Sendung wird in sozialen Medien viral
  3. 26. Juni 2026Nuhr postet auf Facebook und weist Kritik als ‚lächerlich‘ zurück
  4. 26. Juni 2026RBB reagiert: Kritik verständlich, aber Kunstfreiheit gilt

Empörung aus Medien und von Betroffenen

Carolina Schwarz, Journalistin der „taz“, warf Nuhr Täter-Opfer-Umkehr vor.

Durch seinen Sicherheitstipp wird seine Haltung klar: Frauen sind schuld, wenn sie getötet werden. Sie hätten den Mann eben vor dem Sex kennenlernen sollen.

— Carolina Schwarz
Sie wies darauf hin, dass 87 Prozent der Femizide von Partnern oder Ex-Partnern begangen werden. Influencerin Josephine Schreiber, die selbst häusliche Gewalt überlebt hat, sagte, ihr Ex-Partner habe sich zunächst freundlich gezeigt, bevor er ihr die Nase brach.

Es ekelt mich an, wie absolut privilegierte Menschen, die wahrscheinlich noch nie in ihrem verdammten Leben Gewalt erfahren haben, dasitzen und sich totlachen darüber, dass in Deutschland mehrmals pro Woche Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet werden.

— Josephine Schreiber
Influencerin Leonie Plaar, die als „Frau Löwenherz“ schreibt, berichtete, dass ihr Ex-Freund erst nach zwei Jahren Beziehung eine Wand neben ihr eingeschlagen habe – und stellte damit die Annahme in Frage, dass frühes Kennenlernen Gewalt verhindern könne.

Nuhrs Verteidigung: Fehlinterpretation und Satire

Am 26. Juni wies Nuhr die Vorwürfe auf Facebook zurück.

Kein Witz über Femizide, nirgendwo. Das habe ich nie gemacht. Das werde ich nicht tun.

— Dieter Nuhr
Er nannte die Kritik „lächerlich“ und behauptete, sein Beitrag habe sich gegen die „völlig übertriebene pauschale Verunglimpfung“ aller Männer als strukturell gewalttätig gerichtet. Später schrieb er, Satire funktioniere durch Zuspitzung und Übertreibung, und er habe lediglich auf die vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit hingewiesen, auf einen Mörder zu treffen. Nuhr bezog sich auch auf die übermäßige Verwendung des Wortes „strukturell“, das seiner Ansicht nach allen Männern eine Schuld zuweise.

Haltung des RBB: Kunstfreiheit im Rahmen der Satire

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), der für die Sendung verantwortlich ist, räumte ein, dass die Kritik verständlich sei, betonte aber den Schutz der Kunstfreiheit.

Dieter Nuhr darf als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit provozierend und zugespitzt formulieren.

— RBB
Der RBB erklärte, der Programmauftrag sei nicht verletzt worden, und über Geschmacksgrenzen könne man streiten, müsse aber den weiten Spielraum der Satirefreiheit berücksichtigen. Nuhr hatte bereits zuvor mit Witzen über die Pandemie, Greta Thunberg, Migranten und Homosexuelle Kontroversen ausgelöst.

Der weitere Kontext von Gewalt gegen Frauen

Die Debatte machte auch das Fehlen einer einheitlichen Definition von Femizid in Deutschland deutlich. Während Nuhrs Zahl von 300 bis 350 häufig zitiert wird, sind die tatsächlichen Zahlen komplex. Der „Tagesspiegel“ berichtete, dass zusätzlich zu den Tötungen jährlich etwa doppelt so viele versuchte Femizide verübt werden und 2024 136.000 Fälle häuslicher Gewalt dokumentiert wurden. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wies darauf hin, dass die oft verwendete Zahl 360 ursprünglich von der früheren Innenministerin Nancy Faeser im Jahr 2024 stammt und falsch angewendet wurde, da nicht alle Tötungen von Frauen als Femizide gelten. Kritiker argumentieren, dass Nuhrs statistische Relativierung die Realität verschleiere, dass die meisten Femizide in langjährigen Beziehungen stattfinden.

Gewalt gegen Frauen in Deutschland · Fälle
Femizide pro Jahr
350
Versuchte Femizide pro Jahr
700
Häusliche Gewalt (2024)
136.000
Femizide pro Jahr
350 Fälle
Versuchte Femizide pro Jahr
700 Fälle
Häusliche Gewalt (2024)
136000 Fälle
Berlin
Dieter NuhrCarolina SchwarzJosephine SchreiberLeonie PlaarNancy Faeser
BerlinNancy FaeserLeonie PlaarJosephine SchreibersDieter NuhrAnna Carolina Schwarzenberg

8 Quellen

  • Witz über Femizide: Dieter Nuhr hat nichts verstanden
    N-tv·vor 11 Std.
  • Dieter Nuhr will Witze über Gewalt an Frauen nicht so gemeint haben
    Spiegel Online·vor 12 Std.
  • Der Tag: "Lächerlich": Nuhr wehrt sich gegen Vorwürfe nach Witz über Femizide
    N-tv·vor 14 Std.
  • Shitstorm nach Witzen über Femizide: Dieter Nuhr ist strukturell unlustig
    Der Tagesspiegel·vor 14 Std.
  • Dieter Nuhr wehrt sich gegen Vorwürfe nach Femizid-Witz: "Lächerlich
    Focus·vor 14 Std.
  • Dieter Nuhr und die Femizide: Er ist kein Komiker mehr!
    Frankfurter Allgemeine·vor 15 Std.
  • Dieter Nuhr: "Es widert mich an" - Kritik an Kabarettist nach Frauenmörder-Kommentar
    DIE WELT·vor 15 Std.
  • Comedy-Star schiebt Femizid-Opfern die Schuld zu
    Blick.ch·vor 17 Std.

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