
Darmanins Brief zu Versäumnissen bei Ermittlungen zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder löst Gegenwind bei Polizeigewerkschaften in Frankreich aus
Justizminister Gérald Darmanin hat Innenminister Laurent Nuñez in einem zwölfseitigen Brief über Geisterakten, verlorene Verfahren und Personalmangel bei Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder informiert. Polizeigewerkschaften werfen ihm vor, seine eigene Bilanz als früherer Innenminister zu verraten.
Darmanins Brief
Am 29. Juli sandte Justizminister Gérald Darmanin Innenminister Laurent Nuñez einen zwölfseitigen Brief, in dem strukturelle Versäumnisse bei der Bearbeitung von Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige durch Polizei und Gendarmerie aufgelistet werden. Das Dokument, das am 8. August von Le Monde enthüllt und von der AFP eingesehen wurde, fasst Informationen zusammen, die von Generalstaatsanwälten gesammelt wurden, die nach öffentlicher Empörung über den Fall Lyhanna Polizeidienststellen und Gendarmerien besuchten. Darmanin führt die Versäumnisse auf Ressourcen, Ausbildung, Werkzeuge und Management zurück, nicht jedoch auf "den Willen des Personals vor Ort".
Der Brief beschreibt einen "gigantischen Geisterbestand" von Akten, die nie an die Justiz weitergeleitet wurden. In Nîmes fanden Staatsanwälte 1.275 Geisterverfahren; in Caen 905; in Amiens mehr als 1.200. In Agen wurde eine beträchtliche Anzahl laufender Verfahren nie dem Staatsanwalt gemeldet. In Melun lagen zahlreiche Verfahren monatelang oder jahrelang ohne Ermittlungen, selbst wenn der Tatverdächtige identifiziert war. Auch gingen Verfahren verloren: etwa 15 in Bourges, 17 in Angers, 6 in Annecy und 23 waren in Paris nicht auffindbar.
- Nîmes
- 1275 Verfahren
- Amiens
- 1200 Verfahren
- Caen
- 905 Verfahren
- Paris
- 23 Verfahren
- Angers
- 17 Verfahren
- Bourges
- 15 Verfahren
- Annecy
- 6 Verfahren
Der Fall Lyhanna
Auslöser des Briefes war der Tod von Lyhanna, einem 11-jährigen Mädchen, das im Juni im Département Gers tot aufgefunden wurde. Der Hauptverdächtige, Jérôme Barella, der wegen Vergewaltigung und Mordes an einer Minderjährigen angeklagt ist, war zuvor Gegenstand mehrerer Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige gewesen, ohne dass gegen ihn ermittelt wurde. Der Fall löste eine Welle der Empörung aus, die es zur Priorität des Justizministeriums machte, diese Versäumnisse anzugehen.
- Lyhanna, 11, tot im Département Gers aufgefunden
- Darmanin sendet zwölfseitigen Brief an Innenminister Nuñez
- Le Monde enthüllt den Inhalt des Briefes
- ANPJ prangert 'Verrat' an; Darmanin reagiert auf X
- Geplantes Treffen Darmanin-Nuñez mit allen Diensten
Personalmangel
Das Dokument hebt auch den akuten Personalmangel hervor. In Amiens bearbeiten drei Ermittler 900 Akten; in Le Mans verwalten sechs Ermittler 4.000. Bruno Bartoccetti, ein Gewerkschaftsvertreter, sagte, dass für die Bewältigung des Rückstands innerhalb eines Jahres allein für die Minderjährigen-Brigade vier- bis fünfmal mehr Ermittler nötig wären. Eine von France Télévisions interviewte Mutter schilderte, wie sie seit 2021 darum kämpfe, ihre Tochter zu schützen, die angeblich von ihrem Ex-Partner sexuell missbraucht worden sei – ohne Reaktion des Justizsystems trotz mehrfacher Anzeigen. Ihre Anwältin Yoleine Bonfante Curti berichtete, dass kein Ermittlungsverfahren stattgefunden habe und die Akte vor der Einstellung verloren gegangen sei.
Gegenwind von Polizei und Justiz
Die Nationale Vereinigung der Justizpolizei (ANPJ) veröffentlichte am Sonntag, den 9. August, ein Kommuniqué, in dem sie "Heuchelei" und "Verrat" durch Darmanin anprangerte, der über vier Jahre lang Innenminister war – länger als jeder Vorgänger in 50 Jahren. Die Vereinigung nannte ihn "Dr. Darmanin und Mr. Gérald" und argumentierte, dass der derzeitige Justizminister seine eigene Bilanz als Innenminister torpediere.
Es ist in der Tat seine eigene Bilanz als Innenminister, die der derzeitige Justizminister heute torpediert.
Frédéric Lauze, Generaldirektor der Nationalpolizei und Generalsekretär des Syndicat des commissaires de la Police nationale (SCPN), sagte gegenüber franceinfo, er verspüre "ein Gefühl des Verrats gegenüber Gérald Darmanin". Er kritisierte das Dokument als eine Synthesenotiz, die Generalstaatsanwälte befragte und dazu neigte, die Justiz zu entlasten. Er hätte einen Bericht der Justizinspektion vorgezogen. Justine Probst, nationale Sekretärin des Syndicat de la magistrature, sagte, es scheine, als entdecke Darmanin erst jetzt den Zustand der Polizei- und Gendarmeriedienste.
Darmanins Reaktion
Am Sonntag, den 9. August, postete Darmanin auf X, um die Kontroverse zu entschärfen. Er lobte die Ermittler und erkannte die Krise in der Ermittlungsabteilung an.
Ich kenne die äußerst schwierige und mutige Arbeit der Ermittler und die Krise in der Ermittlungsabteilung. Ich kenne auch die Schwierigkeit für Richter und Ermittlungsdienste, in einem Kontext großer Spannungen zusammenzuarbeiten, in dem die Digitalisierung der Justiz hinterherhinkt.
Er schlug ein Treffen mit dem Innenminister am 3. September vor, um einen konstruktiven Dialog mit allen Diensten zu beginnen. Die ANPJ kritisierte auch die Polizeireform von 2024, die mit einer "PJ von 22.000 Personal" dauerhafte Lösungen bringen sollte. Der Verband sagte, die Reform habe die mit Klein- und Mittelkriminalität befassten Ermittlungsdienste nicht entlastet und die ehemalige Kriminalpolizei erheblich geschwächt.


