
Frankreich als erstes EU-Land: Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige – neue Konten ab September gesperrt
Das Parlament verabschiedete das Verbot am 21. Juli. Die Beschränkungen für neue Konten treten im September in Kraft, die vollständige Altersverifikation muss bis Januar 2027 abgeschlossen sein. Der Schritt erhöht den Druck auf Brüssel, eine einheitliche EU-Lösung zu erarbeiten.
Frankreich ist das erste EU-Mitglied, das Kindern unter 15 Jahren den Zugang zu sozialen Medien verbietet. Der Senat und die Nationalversammlung haben das Gesetz am 21. Juli 2026 endgültig verabschiedet. Das Verbot, ein Prestigeprojekt von Präsident Emmanuel Macron in seiner zweiten Amtszeit, wird in zwei Phasen umgesetzt: Ab dem 1. September 2026 müssen Plattformen die Erstellung neuer Konten durch unter 15-Jährige blockieren, und bis Januar 2027 müssen alle bestehenden Konten altersverifiziert sein; nicht konforme Profile werden gelöscht.
Was das Verbot abdeckt
Das Gesetz richtet sich gegen soziale Medienplattformen, sieht jedoch mehrere Ausnahmen vor. Online-Enzyklopädien wie Wikipedia, Messaging-Dienste wie WhatsApp und Open-Source-Bildungsplattformen sind nicht betroffen. YouTube bleibt teilweise zugänglich: Kinder können Videos ansehen und persönliche Nachrichten austauschen, jedoch keine algorithmusgesteuerten Inhalte sehen. Das Gesetz weitet zudem das bestehende Handyverbot auf weiterführende Schulen aus, wobei Schulen Ausnahmen beantragen können.
Das Gehirn unserer Kinder und Jugendlichen steht nicht zum Verkauf, weder an amerikanische Plattformen noch an chinesische Algorithmen.
Durchsetzung und Altersverifikation
Wie die Plattformen das Alter überprüfen werden, bleibt ungeklärt. Das Gesetz schreibt keine bestimmte Methode vor, obwohl die Regierung Ausweisdokumente oder Gesichtserkennung erwähnt hat. Die niederländische Digitalrechtsorganisation Bits of Freedom warnte, dass Verifikations-Apps von Hackern innerhalb von Minuten geknackt werden könnten, und verwies auf einen Politico-Bericht, wonach Cybersicherheitsexperten den Quellcode einer europäischen Verifikations-App in weniger als zwei Minuten entschlüsselten. Die Politikberaterin Lotje Beek argumentierte, dass der Fokus auf ein Altersverbot vom eigentlichen Problem schädlicher, süchtig machender Algorithmen ablenke.
Soziale Medien sind für alle schädlich. Sie finden auch die Achillesferse von Erwachsenen.
Europäische und internationale Reaktionen
Der französische Schritt erhöht den Druck auf Brüssel, eine einheitliche Lösung zu erarbeiten. Das Europäische Parlament forderte im November 2025 ein EU-weites Verbot für unter 16-Jährige, und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, dass ein Vorschlag nach dem Sommer vorliegen werde. Die nationalen Positionen gehen indes auseinander: Italien, Deutschland und Norwegen verlangen die Zustimmung der Eltern; die Niederlande wünschen ein EU-weites Mindestalter von 15 Jahren, ziehen es aber vor, auf gemeinsame Regeln zu warten; Finnland prüft ein Verbot; Slowenien hat eine Verbotsabsicht angekündigt, aber noch keine konkreten Schritte unternommen. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni lehnt ein allgemeines Verbot ab, da es leicht durch Fake-Konten oder VPNs umgangen werden könne, und setzt auf die Verantwortung von Familien und Plattformen.
Macron hat die Frage geopolitisch eingeordnet und die französische G7-Präsidentschaft genutzt, um einen einstimmigen Appell der Staats- und Regierungschefs für einen sichereren digitalen Raum für Minderjährige zu erreichen, der auch von den eingeladenen Ländern Indien und Brasilien unterstützt wird. Nun will er eine internationale „Koalition der Willigen“ aufbauen.
- Parlament verabschiedet endgültig das Gesetz zum Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige
- Verbot der Erstellung neuer Konten für unter 15-Jährige tritt in Kraft
- Bestehende Konten von unter 15-Jährigen müssen nach vier Monaten Übergangsfrist gelöscht werden
Zweifel und der australische Präzedenzfall
Skeptiker verweisen auf Australien, das im Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat. Eine Halbjahresüberprüfung im Juni 2026 ergab, dass weder Kinder noch Technologieunternehmen das Verbot ernst nehmen. In Frankreich unterstützen laut dem Observatoire de la parentalité numérique 74 % der Eltern von Kindern im Alter von 6 bis 16 Jahren das Verbot, aber Experten warnen, dass strenge Verbote schwer durchsetzbar sind und die Anziehungskraft verbotener Plattformen erhöhen könnten. Das Gesetz muss noch vom Verfassungsrat geprüft werden, bevor es vollständig in Kraft tritt.


