
Rhein auf Rekordtief erstickt deutschen Frachtverkehr – Bilger hebt Sonntagsfahrverbot für Lkw auf
Der Rheinpegel in Kaub fiel am Mittwoch auf 17 Zentimeter, den niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1880, und legte den Frachtverkehr auf Deutschlands wichtigster Wasserstraße lahm. Verkehrsminister Steffen Bilger kündigte nach einem Krisengipfel mit der Industrie am Donnerstag in Bonn Notmaßnahmen an, darunter die Aussetzung des Sonntagsfahrverbots für Lkw.
Rekordtiefstände an deutschen Flüssen
Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein (WSA Rhein) meldete, dass der Pegel in Kaub bei Bingen am Mittwoch auf 17 Zentimeter fiel – der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880, so deutsche Bundesdaten, die von der ETH Zürich zusammengestellt wurden. Der bisherige Negativrekord aus dem Dürrejahr 2018 wurde übertroffen. In Köln wurde am Samstag ein neuer Tiefststand von 67 Zentimetern registriert, unter dem bisherigen Rekord von 69 Zentimetern vom 23. Oktober 2018. Die Krise erstreckt sich über den Rhein hinaus: An 119 von 146 Pegeln in Sachsen herrschen Niedrigwasserbedingungen (82 Prozent, gegenüber 60 Prozent in der Vorwoche). Die Elbe in Dresden stand bei 55 Zentimetern, fast einen Meter unter dem langjährigen Mittel. Der Rheinabfluss in Rheinfelden (Schweiz) betrug im August 2026 durchschnittlich 418 Kubikmeter pro Sekunde, gegenüber einem langjährigen Augustmittel von 1.185 Kubikmetern pro Sekunde.
- Vorherige Dürre verursachte wirtschaftlichen Schaden von 2,4 Mrd. €
- ZKR-Expertenworkshop zu Niedrigwasser skizzierte vier politische Optionen
- Kölner Pegel erreicht 67 cm, neuer Rekordtiefstand (bisher: 69 cm vom Okt. 2018)
- Kaub-Pegel fällt auf 17 cm, niedrigster Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1880
- Bilger kündigt Notmaßnahmen nach 90-minütigem Bonner Gipfel an
Frachtverkehr nahezu gelähmt
Der Rhein transportiert jährlich 80 Millionen Tonnen Güter und erstreckt sich über fast 800 Meilen durch sechs Länder von den Schweizer Alpen bis zur Nordsee. Schiffe, die noch den Engpass bei Kaub passieren, können nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung befördern. Die Binnenschifffahrt macht 7 Prozent des deutschen Güterverkehrs aus, während der Straßenverkehr mit 70 Prozent dominiert, aber für Massenrohstoffe ist der Wasserweg die günstigste und umweltfreundlichste Route. Ein einziges Binnenschiff transportiert so viel Fracht wie 150 Lkw. BASF hat bereits Transporte von Wasser auf Schiene und Lkw verlagert, und der Chemieverband VCI hat vor Produktionskürzungen gewarnt.
Es ist eine der wichtigsten Herzkammern der deutschen Wirtschaft.
- Köln
- -2 cm
- Kaub
- 0 cm
- Worms
- 1 cm
- Mainz
- 13 cm
- Koblenz
- 14 cm
- Speyer
- 16 cm
- Oestrich-Winkel
- 21 cm
Notfallmaßnahmen der Regierung
Nach einem 90-minütigen Gipfel mit Vertretern der Industrie und Logistik in Bonn am Donnerstag kündigte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) ein Paket kurzfristiger Maßnahmen an. Er wird mit den Landesregierungen verhandeln, um das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw für besonders betroffene Güter auszusetzen und Genehmigungen für auf die Straße verlagerte Schwertransporte zu beschleunigen. Die DB Cargo sagte zu, trotz umfangreicher Bauarbeiten im Rheinland zusätzliche Schienenkapazitäten zu organisieren. Die Autobahn GmbH wurde angewiesen, vermeidbare Autobahnbaustellen zu reduzieren, um den Ausweichverkehr fließen zu lassen.
Wir können das Wetter nicht beeinflussen, aber wir könnten dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft diese schwierigen Wochen besser übersteht.
Zu den mittelfristigen Plänen gehört die Nachrüstung von Schiffen für den Niedrigwasserbetrieb. Langfristig will Bilger die Wasserstraßen ausbauen und Engpässe am Mittelrhein beseitigen, ermöglicht durch das neue Infrastrukturzukunftsgesetz.
Reaktionen aus Industrie und Politik
Steffen Bauer, Vorstandsvorsitzender der HGK Group, warnte vor zusätzlichen Engpässen auf der Nord-Süd-Achse und forderte ein „Zukunftsfähigkeitsprogramm“ mit Planungsbeschleunigung und Finanzierungszusagen über die Legislaturperiode hinaus. Jens Schwanen von der Deutschen Binnenschifffahrt beschrieb ein Niedrigwasserereignis, das stellenweise unter die Werte von 2018 fällt. Der Logistikverband BGL zeigte sich skeptisch gegenüber der Aussetzung des Sonntagsfahrverbots und wies darauf hin, dass Fahrer an anderen Tagen Lkw abstellen müssten, um die Lenk- und Ruhezeiten einzuhalten. Die Linke befürchtet eine schleichende Aushöhlung des Fahrverbots. Die Schweizer Verbände HKBB und SVS forderten von der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) rasche Strategien, um den Fluss als zuverlässige Verkehrsachse zu sichern. Die ZKR verwies auf einen Expertenworkshop im Januar 2023, der bereits vier Optionen skizziert hatte, darunter digitale Wasserstandsvorhersagen und spezielle Schiffe mit geringem Tiefgang.
- Mannheim-Ludwigshafen
- 494 Mio. €
- Rhein-Main
- 136 Mio. €
- Karlsruhe
- 118 Mio. €
- Mainz
- 101 Mio. €
Wirtschaftliche Folgen
Der Wirtschaftswissenschaftler Simon Gerards Iglesias erwartet einen Wachstumsdämpfer ähnlich wie 2018, als Niedrigwasser die Wirtschaftsleistung um etwa 0,4 Prozent reduzierte. Die Dürre 2018 verursachte einen wirtschaftlichen Schaden von 2,4 Mrd. €. Eine Prognos-Studie im Auftrag des Handelsblatts schätzt Produktionswertverluste im Rheineinzugsgebiet auf 913 Mio. €, mit 214 Mio. € an verlorener Wertschöpfung und 1.900 betroffenen Arbeitsplätzen. Allein Mannheim-Ludwigshafen entfallen 494 Mio. €, davon 331 Mio. € in der Chemieindustrie. Der Chemiesektor trägt mit 426 Mio. € Produktionswertverlusten die größte Last. Verschärfend kommt hinzu, dass die rechtsrheinische Bahnstrecke am Mittelrhein für mehrere Monate wegen Renovierungsarbeiten komplett gesperrt ist – Arbeiten, die für das zweite Halbjahr geplant waren, wenn das Niedrigwasserrisiko am höchsten ist.

