
EU stellt Plan für technologische Souveränität vor, um Abhängigkeit von USA und China zu verringern – Kritiker nennen ihn zu zaghaft
Die Europäische Kommission hat am Mittwoch einen weitreichenden Plan zur Stärkung der technologischen Autonomie des Blocks vorgestellt, der Cloud-Computing, KI und Halbleiter betrifft. Abgeordnete und Branchenbeobachter warnen jedoch, dass er nicht weit genug gehe, um die amerikanische Dominanz herauszufordern.
Die Europäische Kommission hat ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt, das darauf abzielt, die digitale Souveränität des Kontinents zu stärken und seine starke Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern, vor allem aus den Vereinigten Staaten und China, zu verringern. Das Paket, das am Mittwoch von Kommissionsvizepräsidentin für Technologie-Souveränität Henna Virkkunen vorgestellt wurde, soll die digitale Landschaft Europas in den Bereichen Cloud-Computing, künstliche Intelligenz und Halbleiterproduktion neu gestalten.
Das Abhängigkeitsproblem
Mehr als 80 % der digitalen Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen der EU stammen laut Kommission aus externen Märkten. Der Block gibt jährlich rund 264 Milliarden Euro für digitale Produkte und Dienstleistungen aus dem Ausland aus. Diese Abhängigkeit hat Befürchtungen geweckt, dass kritische Dienste von ausländischen Regierungen gestört oder als Waffe eingesetzt werden könnten.
Wir können es uns nicht leisten, für Technologien, die das reibungslose Funktionieren unserer Krankenhäuser, die Stabilität unserer Energienetze und die Sicherheit unserer Dienste gewährleisten, von diesen Ländern abhängig zu sein.
Die Verwundbarkeiten wurden letztes Jahr deutlich, als China die Halbleiterexporte stoppte und die europäische Autoindustrie fast zum Stillstand brachte. Es gibt auch wachsende Besorgnis, dass eine künftige US-Regierung einen „Kill Switch“ nutzen könnte, um amerikanische Cloud-Computing-Dienste über Nacht zu beenden oder Anbieter zwingen könnte, sensible Daten gemäß Gesetzen wie dem US Cloud Act von 2018 herauszugeben.
Der Plan der Kommission
Das Kernstück des Pakets ist das Cloud- und KI-Entwicklungsgesetz, das ein vierstufiges Zertifizierungssystem einführt. Öffentliche Bedienstete müssten dieses System nutzen, um digitale Werkzeuge nach ihrer Anfälligkeit für ausländische Einflussnahme zu bewerten. In einigen Fällen müssten öffentliche Stellen ausländische Dienste durch europäische Alternativen ersetzen.
Wir stärken die digitale Autonomie Europas, während wir unsere Wirtschaft für unsere globalen Partner offen halten.
Der Plan beinhaltet auch eine bedeutende Aktualisierung des EU-Chips-Gesetzes, genannt Chips Act 2.0, um die Halbleiterversorgung im Zeitalter der KI zu sichern. Er schlägt vor, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, ein neues Exzellenzlabel für Regionen zu schaffen, die sich auf fortschrittliche KI-Chips spezialisieren, und vielversprechende europäische Start-ups durch öffentliche Innovationsbeschaffung zu unterstützen. Eine Strategie zur Förderung von Open-Source-Software und ein Fahrplan zur Digitalisierung von Energienetzen mit KI runden das Paket ab.
Politische und internationale Reaktionen
Die Vorschläge haben gemischte Reaktionen von europäischen Abgeordneten hervorgerufen. Viele argumentieren, der Plan sei zu nachgiebig und entbehre der notwendigen Konfrontation mit US-Tech-Giganten wie Google, Microsoft und Amazon, die zusammen rund 70 % der auf dem Kontinent genutzten Cloud-Dienste bereitstellen.
Dieses lange verzögerte Paket erkennt endlich das Ausmaß der digitalen Abhängigkeit Europas an, bleibt aber letztlich hinter den Erwartungen zurück. Ich bin skeptisch, ob dies ausreichen wird, um eine langfristige Unabhängigkeit von den USA zu gewährleisten.
Der französische zentristische EU-Abgeordnete Christophe Grudler merkte an, dass der Vorschlag ausländischen Unternehmen weiterhin erlauben würde, sensible Teile der europäischen Wirtschaft zu bedienen. Die Mitte-Rechts-Abgeordnete Aura Salla äußerte den Wunsch, die Kommission deutlicher sagen zu hören, dass die USA kein vertrauenswürdiger Partner mehr für den europäischen öffentlichen Sektor seien, ähnlich wie China.
Die Initiative riskiert, eine neue Front in den anhaltenden Spannungen mit der Trump-Administration zu eröffnen, die regelmäßig die EU-Digitalregulierung kritisiert und Verbündeten mit Zöllen gedroht hat. Die Vorschläge müssen noch von den EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden, ein Prozess, bei dem einige Hauptstädte möglicherweise Widerstand leisten, amerikanische Giganten von sensiblen Ausschreibungen auszuschließen.
Herausforderungen voraus
Die Definition, was einen wirklich europäischen digitalen Akteur ausmacht, stellt eine erhebliche Hürde dar. Es bleiben Fragen offen, ob Rechenzentren, die mit Milliarden ausländischer Investitionen gebaut wurden, wie die von Japans SoftBank in Frankreich angekündigten, als französisch gelten würden. Die Eigentümerstruktur von Unternehmen wie Mistral, dem französischen KI-Champion, zu dessen Investoren Microsoft gehört, erschwert die Definition eines 100% europäischen Dienstes zusätzlich.
Die Schweizer Perspektive, wie von Le Temps angemerkt, legt nahe, dass Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz diese Entwicklungen genau beobachten sollten, angesichts der eigenen Abhängigkeit des öffentlichen Sektors von amerikanischen Technologiediensten für Cloud-Verträge und digitale Postverarbeitung.
