
Dürre und Hitze kosten deutsche Landwirte über 600 Millionen Euro Ernteverlust
Eine anhaltende Hitzewelle hat seit Mitte Juni rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps vernichtet. In Süddeutschland droht ein Totalausfall der Ernte, die Bauern fordern staatliche Hilfen.
Ernteverluste nehmen zu
Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), der 1.600 Genossenschaftsunternehmen des Agrarhandels und der -verarbeitung vertritt, legte am 13. August seine finale Erntebilanz vor. Seit Mitte Juni gingen aufgrund anhaltender Hitze rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren, die Erlösausfälle übersteigen 600 Millionen Euro. Der DRV prognostiziert nun eine Getreideernte 2026 von 40,6 Millionen Tonnen, mehr als zehn Prozent unter dem Wert von 2025 (45 Millionen Tonnen) und deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt von 42,5 Millionen Tonnen. Bei Raps wird ein Ertrag von 3,7 Millionen Tonnen erwartet, nach 4,0 Millionen Tonnen im Jahr 2025. Eine Hitzewelle mit Temperaturen über 40 Grad Celsius setzte etwa Mitte Juni ein und verbrannte stehende Bestände wie Winterweizen.
- Ernte 2025
- 45 Mio. Tonnen
- 5-Jahres-Durchschnitt
- 42.5 Mio. Tonnen
- Prognose 2026
- 40.6 Mio. Tonnen
- Jährlicher Verbrauch
- 40 Mio. Tonnen
Regionale Unterschiede
Die Schäden variieren stark nach Region. In Norddeutschland, insbesondere in Schleswig-Holstein, liegen die Erträge nahe dem Vorjahresniveau. Je weiter südlich, desto schlechter die Aussichten, am stärksten betroffen sind Bayern und Baden-Württemberg. Die Getreideverluste betragen dort bis zu 20 Prozent, und Körnermais droht völlig auszutrocknen. DRV-Getreidemarktexperte Guido Seedler berichtete, dass die Körnermaisverluste in Bayern über 20 Prozent lägen. Probegrabungen von Zuckerrüben in Trockengebieten ergaben Gewichte, die rund 25 Prozent unter dem langjährigen Mittel lagen. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) lagen die Bodenfeuchtewerte in Süddeutschland zeitweise unter denen der Dürrejahre 2018 und 2022. Das Niedrigwasser-Informationssystem des Bundes (NIWIS) verzeichnete neue Negativrekorde für die Grundwasserstände im Alpenraum. Die Agrarökonomin Mareike Söder vom Thünen-Institut beurteilte die Lage etwas weniger pessimistisch und wies darauf hin, dass sich Wintergetreide in vielen Regionen vor der Hitze bereits günstig entwickelt habe.
Futtermittelkrise und finanzielle Belastung
Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied warnte, dass vor allem in Süddeutschland kein Futter mehr nachwachse, was einige Landwirte zwinge, Tiere früher als geplant zu schlachten. Er beschrieb den wirtschaftlichen Druck auf die Betriebe.
Die wirtschaftliche Situation der Landwirtschaft ist brutal angespannt – auf der einen Seite hohe Kosten für Betriebsmittel, auf der anderen Seite niedrige Preise für landwirtschaftliche Produkte.
Rukwied sagte, er kenne Kollegen, die ihre Rechnungen für Pflanzenschutz und Dünger nicht mehr bezahlen könnten und bei Banken um Liquiditätskredite nachsuchen müssten. Er fordert drei Sofortmaßnahmen von der Regierung: die Erhöhung der EU-Düngemittelhilfe von 60 auf 180 Millionen Euro, die Vorverlegung von 80 Prozent der EU-Direktzahlungen auf Oktober und die Senkung der Dieselsteuer mindestens bis Ende November. Zudem forderte er eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen.
Transport- und Versorgungssorgen
Niedrige Wasserstände in deutschen Flüssen beeinträchtigen die Binnenschifffahrt, die Getreide, Futtermittel und Dünger transportiert. DRV-Vorstandsmitglied Philipp Spinne warnte, dass viele Schiffe derzeit nur bis zu einem Drittel ihrer üblichen Ladung aufnehmen könnten. Ein Binnenschiff ersetzt rund 40 voll beladene Lastwagen, und Ausfälle können nicht vollständig durch Straße oder Schiene aufgefangen werden. Spinne betonte, dass Tiere täglich fressen und versorgt werden müssten. Er warnte auch davor, dass Landwirte, die in der Hoffnung auf fallende Stickstoffpreise Düngerbestellungen für 2027 zurückhielten, Versorgungsengpässe auslösen könnten, da Händler und Importeure dann ebenfalls den Aufbau von Vorräten zurückhielten.
- Hitzewelle mit Temperaturen über 40 °C beginnt, stehende Bestände verbrennen
- DRV legt Erntebilanz vor: 3 Millionen Tonnen verloren, über 600 Mio. Euro Erlösausfälle
- Bauernverbandspräsident Rukwied fordert EU-Hilfenerhöhung, vorzeitige Direktzahlungen und Dieselsteuersenkung
Trotz der Verluste erklärte Seedler, die Ernte 2026 sei noch ausreichend, da der jährliche deutsche Getreideverbrauch von rund 40 Millionen Tonnen rechnerisch gedeckt sei. Preiserhöhungen für Brot für die Verbraucher werden nicht erwartet, da Getreide nur einen kleinen Teil des Ladenpreises ausmache. Energie-, Arbeits- und Bürokratiekosten blieben die Hauptpreistreiber. Der aktuelle Weizenpreis liegt bei rund 220 Euro pro Tonne, leicht über dem Vorjahr. Viele Gemeinden haben die Wasserentnahme eingeschränkt; in Baden-Württemberg haben nur 5 von 44 Landkreisen keine Beschränkungen, und Stuttgart verhängt bei Verstößen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro.

