
Optogenetische Gentherapie stellt bei sieben von zehn blinden Patienten die Lichtempfindlichkeit wieder her
Eine in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlichte Phase-1-Studie berichtet, dass sieben von zehn Teilnehmern lichtempfindlicher wurden – wenige Tage, nachdem der Nobelpreis für Medizin 2026 an die Pioniere der Optogenetik ging.
Eine Studie im New England Journal of Medicine
Die Studie wurde am späten Mittwochabend im New England Journal of Medicine veröffentlicht und von Botond Roska vom Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB) und José-Alain Sahel von der University of Pittsburgh geleitet. Sie umfasste zehn blinde Patienten mit Retinitis pigmentosa, einer erblichen Erkrankung, bei der die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut allmählich absterben. Statt die geschädigten Zellen zu reparieren, programmiert die Behandlung einen anderen Zelltyp um, der in der Netzhaut überlebt. Die Forscher brachten das Gen für das lichtempfindliche Protein ChrimsonR in verbleibende Ganglienzellen ein, die daraufhin auf bernsteinfarbenes Licht reagieren können. Eine mit einer Kamera ausgestattete Brille wandelt die Umgebung in Lichtsignale um, die auf die Netzhaut projiziert werden, und das Gehirn muss lernen, sie zu interpretieren. Die Studie war eine Phase-1-Studie, deren Hauptaugenmerk auf der Bewertung der Sicherheit lag.
Was die zehn Patienten leisten konnten
Sieben der zehn behandelten Patienten wurden lichtempfindlicher, und sechs von ihnen überschritten eine zuvor festgelegte klinische Schwelle, wie watson.ch berichtet. Vier von acht getesteten Patienten konnten die Umrisse kleiner Objekte wie einer Streichholzschachtel erkennen, und die Studie ergab, dass die Fähigkeit, eine Tür zu erkennen, den Alltag erheblich erleichtern könnte. Lesen und das Erkennen von Gesichtern blieben außer Reichweite. Auch das Training spielte eine Rolle, denn Patienten, die mehr Zeit damit verbrachten, die neuen visuellen Signale zu erlernen, schnitten in Tests tendenziell besser ab.
Wir sind noch weit davon entfernt, dass Patienten lesen können oder über die Art von Sehvermögen verfügen, die wir gewohnt sind.
- Erhöhte Lichtempfindlichkeit (von 10)
- 7 Teilnehmer
- Vordefinierte klinische Schwelle erreicht (von 10)
- 6 Teilnehmer
- Umrisse kleiner Objekte erkannt (von 8)
- 4 Teilnehmer
Hintergrund der Studie und der Nobelpreis
Vor fünf Jahren fand in Paris eine erste Studie zu dieser Gentherapie mit einer einzigen Person statt, die durch die Behandlung ihre ersten visuellen Eindrücke gewann. Nach diesen ersten Ergebnissen weitete das IOB die Arbeit aus, und der erste Teilnehmer aus Paris nahm erneut an der neuen Studie teil, die als Blindstudie durchgeführt wurde, damit die Patienten anonym bleiben. Am Montag erhielten Karl Deisseroth, Peter Hegemann und Georg Nagel den Nobelpreis für Medizin 2026 für die Optogenetik – wenige Tage, bevor diese Ergebnisse erschienen. Das IOB wurde 2017 von der Universität Basel, dem Universitätsspital Basel und Novartis gegründet.
- Erste Studie in Paris mit einem einzigen Patienten, der erste visuelle Eindrücke gewann
- Karl Deisseroth, Peter Hegemann und Georg Nagel erhalten den Nobelpreis für Medizin 2026
- Ergebnisse im New England Journal of Medicine veröffentlicht
Sicherheit und Größe der Patientengruppe
Die Studie berichtete, dass die Therapie sicher und gut verträglich ist, wobei die Nebenwirkungen laut La Razón auf leichte bis mittelschwere, vorübergehende Augenentzündungen beschränkt blieben. Stylianos Michalakis von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der nicht an der Arbeit beteiligt war, kommentierte die Ergebnisse. Die Forscher schätzen, dass weltweit rund 1,5 Millionen Menschen von der Erkrankung betroffen sind, und Michalakis bezifferte die Zahl in Deutschland auf bis zu 40.000. Die bestehende Gentherapie Luxturna ist in Europa zugelassen, kostet aber mehr als 600.000 Euro und hilft nur Menschen mit Mutationen im RPE65-Gen, was laut Experten weniger als ein Prozent der RP-Patienten ausmacht. Der optogenetische Ansatz funktioniert unabhängig von der Mutation, auch wenn er nicht jede Ursache der Erkrankung adressiert.
Das Therapiekonzept ermöglicht es Menschen mit RP im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, ein gewisses künstliches Sehvermögen zu erlangen, sodass sie sich zumindest wieder zurechtfinden können.
Nächste Schritte
Die Forscher arbeiten nun daran, mehrere Elemente der Therapie zu verbessern, darunter die lichtempfindlichen Proteine, die die Zellen ansprechbar machen. Futterknecht sagte, die langfristige Hoffnung sei, das Sehvermögen so weit wie möglich wiederherzustellen, und behandelte Patienten sollten idealerweise ohne Brille wieder sehen können. Er sagte, die Studie zeige, dass die Therapie vielen blinden Menschen zugutekommen könnte, nicht nur einer kleinen spezifischen Gruppe, da alle Teilnehmer an Retinitis pigmentosa litten, auch wenn deren Ursprünge unterschiedlich seien.
