Autonomes Fahren bietet Ostdeutschland einen Weg aus der Strukturkrise, aber die Rahmenbedingungen hinken hinter den USA und China her
Während deutsche Autobauer mit dem Wandel zur Elektromobilität kämpfen, setzen Sachsen und Sachsen-Anhalt darauf, dass die Technologie des autonomen Fahrens neue industrielle Werte schafft – mit Pilotprojekten und dem Ziel, bis 2030 fahrerlosen öffentlichen Nahverkehr einzusetzen.
Der nächste Umbruch
Die deutschen Autobauer erholen sich noch immer vom Wandel zur Elektromobilität. Das Volkswagen-Werk in Zwickau, ein Vorzeigeprojekt des Umbruchs, steht unter Druck. Nun steht die Branche vor einem zweiten Umbruch: dem autonomen Fahren. Politiker, Wissenschaftler und Unternehmen in Sachsen und Sachsen-Anhalt hoffen, dass die selbstfahrende Technologie nicht nur den Strukturwandel abfedern, sondern neue Wertschöpfung generieren wird. Die Technologie ist nicht völlig neu: In Hamburg fahren bereits ausgewählte Passagiere in selbstfahrenden Kleinbussen mit, und Projekte laufen in Berlin, Hessen und Bayern. Auch Sachsen entwickelt seit Jahren relevante Technologien und strebt an, autonome Fahrzeuge bis 2030 in den regulären öffentlichen Nahverkehr zu bringen. Im Frühjahr 2026 unterzeichneten 19 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunen und Politik eine gemeinsame Absichtserklärung zur Unterstützung dieses Ziels.
Sachsens technologische Basis
Die sächsische Landesregierung setzt nicht nur auf klassischen Fahrzeugbau. Sie sieht im autonomen Fahren eine Konvergenz von Fahrzeugtechnik, Halbleitern, Software und Forschung, die Robotik, künstliche Intelligenz, Sensortechnik und Datenmanagement zu einer neuen Schlüsseltechnologie verbindet. Die Region beherbergt Europas größtes Mikroelektronik-Cluster, Silicon Saxony, und ein dichtes Netz von Universitäten und Forschungseinrichtungen. Das Wirtschaftsministerium verweist auf starke Kapazitäten in der Softwareentwicklung, Systemvalidierung und digitalen Dienstleistungen, die die traditionelle Fahrzeugproduktion ergänzen könnten. Pilotprojekte mehren sich: An der Technischen Universität Dresden entsteht im Smart Mobility Lab in Schwarzkollm eine Testhalle für autonome Systeme. In Leipzig bereitet das Projekt SIAS-ÖV den Boden für fahrerlose Shuttlebusse. Das Land unterstützt zudem Kommunen und Verkehrsbetriebe mit Machbarkeitsstudien.
Sachsen-Anhalts Modellregion
Auch Sachsen-Anhalt positioniert sich rund um das autonome Fahren. Das Wirtschaftsministerium des Landes kündigte an, Sachsen-Anhalt solle bis 2030 eine Modellregion für autonomes Fahren im öffentlichen Nahverkehr werden. Chancen werden für Automobilzulieferer sowie für Unternehmen des Maschinenbaus, der Chemie- und Elektronikbranche gesehen. Das Institut für Kompetenz in AutoMobility (IKAM) in Magdeburg soll kleine und mittlere Unternehmen durch den Wandel begleiten. Der neue Branchenverband SAHREG Automotive warnt jedoch davor, dass kurzfristig keine großflächigen wirtschaftlichen Effekte zu erwarten seien.
Wir befinden uns in Sachsen-Anhalt derzeit in der Forschungsphase mit regionalen Pilotprojekten, zum Beispiel in Magdeburg und Stolberg.
Mittel- bis langfristig sieht er Chancen in der Sensorik, Kameratechnik, Software und bei Testdienstleistungen. In Magdeburg wurde bereits der Shuttlebus „Elbi“ getestet. Nun arbeitet das Forschungsprojekt „IMIQ – Intelligente Mobilität im Quartier“ an einem autonomen Bus der nächsten Generation mit bis zu 20 Sitzplätzen und einer Geschwindigkeit von bis zu 50 km/h.
Wettbewerbsdruck und Forderungen nach Handeln
Trotz der Stärken warnen Stimmen aus der Branche, dass Deutschland zurückfällt. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht das Land unter Druck.
Beim autonomen Fahren gibt es weltweit eine große Dynamik, insbesondere aus Ländern wie den USA und China.
VDV-Präsident Ingo Wortmann fordert eine nationale Strategie, mehr Investitionen und bessere Rahmenbedingungen. Karsten Schulze, CEO des Chemnitzer Technologieunternehmens FDTech, hebt die einzigartige Dichte spezialisierter Unternehmen rund um Chemnitz hervor, die die gesamte Wertschöpfungskette von der Algorithmenentwicklung über Sensoren bis zur funktionalen Sicherheit abdecken. Doch dieser Vorteil schwinde, sagt er.
Wir sind mit all unseren Stärken noch wettbewerbsfähig – aber keine Pioniere mehr, weil die Rahmenbedingungen anderswo deutlich vorteilhafter sind.
Schulze fordert, dass nun die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesetzt werden müssen, damit die Technologie in Deutschland zum Einsatz kommt. „Sonst werden wir zu bloßen Integratoren fremder Technologie, anstatt selbst Technologieentwickler zu sein“, sagte er.
- 19 Partner unterzeichnen Absichtserklärung, autonome Fahrzeuge bis 2030 in den Linienverkehr zu bringen
- VDV-Präsident fordert nationale Strategie; Branche warnt vor Rahmenbedingungsnachteil gegenüber USA und China
- Pilotprojekte laufen: Shuttle 'Elbi', Bus der nächsten Generation 'IMIQ', SIAS-ÖV, Smart Mobility Lab in Schwarzkollm
- Ziel für autonomes Fahren im Linienverkehr in Sachsen und der Modellregion Sachsen-Anhalt


