Campact startet 620.000-Euro-Kampagne zur Verhinderung einer AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt
Die Bürgerbewegung Campact hat eine 620.000-Euro-Kampagne gestartet, die Wähler in Sachsen-Anhalt dazu auffordert, strategisch SPD oder Grüne zu wählen, um zu verhindern, dass die AfD bei der Landtagswahl am 6. September die absolute Mehrheit gewinnt.
Kampagnenstart
Am 14. August hat die in Berlin ansässige Kampagnenorganisation Campact in Magdeburg, der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, eine Initiative für „strategisches Wählen“ vorgestellt. Die Kampagne ruft die Wähler im Land dazu auf, ihre Zweitstimme entweder der SPD oder den Grünen zu geben, zwei Parteien, die in Umfragen nahe der Fünfprozenthürde liegen, die für den Einzug in den Landtag nötig ist. Die Organisation hat für diese Aktion rund 620.000 Euro eingeplant, mit denen Plakate, Direktwerbung sowie Print- und Online-Anzeigen finanziert werden. Die Kampagne umfasst 13.000 Plakate in Städten und Gemeinden des Landes. Zum Auftakt fand auf dem Domplatz vor dem Landtagsgebäude eine Banneraktion statt.
Felix Kolb, Geschäftsführer von Campact, schilderte die Lage in drastischen Worten.
Zum ersten Mal könnte eine rechtsextreme Partei in einem Bundesland eine Mandatsmehrheit gewinnen und damit auch den Ministerpräsidenten stellen.
Das Umfragebild
Eine Umfrage unter 2.604 Einwohnern Sachsens-Anhalts, durchgeführt vom Institut Pollytix und in Auftrag gegeben von Campact, liefert die faktische Grundlage der Kampagne. Sie sieht die AfD bei 43 %, die CDU bei 23 %, die Linke bei 13 %, die SPD bei 7 %, die Grünen bei 5 % und das BSW bei 4 %, die übrigen Parteien liegen jeweils unter 3 %. Nach Angaben von Campact werden AfD, CDU und Linke mit Sicherheit in den neuen Landtag einziehen. SPD und Grüne dürften die Fünfprozenthürde überspringen, ihr Einzug sei aber „keineswegs gesichert“, so Kolb. Sollten beide Parteien scheitern, gingen rund 10 % der Stimmen verloren, was der AfD bereits mit 42 % der Stimmen eine absolute Mandatsmehrheit bescheren könnte.
- AfD
- 43 %
- CDU
- 23 %
- Linke
- 13 %
- SPD
- 7 %
- Grüne
- 5 %
- BSW
- 4 %
Finanzierung und Parteienunterstützung
Campact gab an, dass die 620.000 Euro aus einem im vergangenen Jahr eingerichteten „NoAfD-Fonds“ stammen, der durch Kleinspenden von mehr als 75.000 Beitragszahlern gespeist wird. Die Organisation hat vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern insgesamt über 2,5 Millionen Euro eingenommen; die Gelder fließen auch an lokale Initiativen und Vereine. SPD und Grüne meldeten der Bundestagsverwaltung jeweils eine Großspende von 310.000 Euro von Campact. Campact erklärte, dass kein Geld direkt in die Wahlkämpfe der beiden Parteien fließe; die Spenden würden gemeldet, weil die Kampagne sie indirekt unterstütze. Die Organisation empfiehlt nicht die Wahl des BSW, mit der Begründung, dass es selbst bei Einzug in den Landtag durch Enthaltung die Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten unterstützen oder ermöglichen könnte.
- NoAfD-Fonds aufgelegt, finanziert durch Kleinspenden von über 75.000 Beitragszahlern
- Campact startet strategische Wahlkampagne in Magdeburg, stellt Pollytix-Umfrage vor
- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Eine „historische“ Wahl
Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“, bezeichnete die Wahl in einem Interview als absolut historisch.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist absolut historisch, weil sie erstmals nach 1945 den Durchbruch einer rechtsextremen Partei in Deutschland bedeuten könnte, und das sogar mit einer absoluten Mehrheit.
Von Lucke argumentierte, das Ergebnis würde einen grundlegenden Riss zwischen Ost und West offenbaren. Er charakterisierte den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund als ein „Chamäleon“, das sich moderat und zugänglich gebe, während das Parteiprogramm das radikalste sei, das die AfD je vorgelegt habe. Siegmunds angekündigtes Programm für seine ersten 100 Tage im Amt komme einem harten Sparprogramm gleich, so von Lucke, ausgerichtet auf „alles für die Eigenen, nicht mehr modern und weltoffen, sondern deutsch.“
Präzedenzfall und Ausblick
Campact führte vor der Landtagswahl 2024 in Sachsen eine ähnliche Kampagne durch, bei der es zu strategischen Stimmen für die Linke aufrief, um eine AfD-Sperrminorität im Dresdner Landtag zu verhindern. Die Linke verfehlte die Fünfprozenthürde, zog aber über mehrere Direktmandate ins Parlament ein. Die aktuelle Kampagne in Sachsen-Anhalt steht vor einem engeren Spielraum: Die Grünen liegen in der Pollytix-Erhebung bei exakt 5 %, die SPD bei 7 %, was wenig Raum für Fehler lässt. Die Wahl findet am 6. September statt.


