
RKI schätzt 12.500 Hitzetote in Deutschland bis 2. August – mehr als in jedem gesamten Vorjahr
Das Robert-Koch-Institut schätzt die Zahl der Hitzetoten in Deutschland zwischen dem 6. April und dem 2. August 2026 auf 12.500, davon 9.600 in einer einzigen Juniwoche, als die Temperaturen über 40 °C lagen.
Rekordhitzesterblichkeit
Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt, dass zwischen dem 6. April und dem 2. August 2026 in Deutschland rund 12.500 Menschen hitzebedingt gestorben sind, wie aus seinem am Donnerstag veröffentlichten Wochenbericht hervorgeht. Diese Zahl übertrifft jedes einzelne bisherige Rekordjahr. Die vorherige Schätzung, die den Zeitraum bis zum 26. Juli abdeckte, lag bei 11.900, was bedeutet, dass seit Mitte Juli 2.700 weitere Todesfälle verzeichnet wurden. Das RKI bezeichnete die aktuelle Zahl als konservative Schätzung, die noch nach oben korrigiert werden könnte.
Die bisher höchsten Jahresgesamtzahlen lagen nach den neuesten Neuberechnungen des RKI bei 9.400 Todesfällen im Jahr 2018 und 7.700 im Jahr 2019. Frühere RKI-Zahlen für diese Jahre waren niedriger gewesen, und ein RKI-Sprecher erklärte, dass die Schätzungen monatlich neu berechnet werden, da das statistische Modell verfeinert wird.
Die Junihitzewelle
Rund 9.600 der 12.500 Todesfälle ereigneten sich in einer einzigen Woche, vom 22. bis 28. Juni, als die Temperaturen in vielen Teilen Deutschlands über 40 °C lagen. Laut dem EU-Klimadienst Copernicus war der Juni 2026 der heißeste Juni, der jemals in Westeuropa gemessen wurde. Das RKI bezifferte die allgemeine Übersterblichkeit für die Spitzenwoche und die beiden folgenden Wochen auf 14.500 Fälle. Auch in den ersten beiden Juliwochen wurde eine deutliche Übersterblichkeit verzeichnet.
- Beginn des RKI-Meldezeitraums für hitzebedingte Sterblichkeit
- Beginn der Hitzewelle; ~9.600 Todesfälle vom 22. bis 28. Juni bei Temperaturen über 40 °C verzeichnet
- RKI schätzt 11.900 Hitzetote bis dato
- RKI erhöht Schätzung auf 12.500 Hitzetote, als konservativ bezeichnet
Alters- und Regionalmuster
Hitze tötete überproportional ältere Menschen. Etwa 6.300 der Verstorbenen waren 85 Jahre oder älter, mehr als 3.100 waren zwischen 75 und 84, fast 1.900 zwischen 65 und 74 und etwa 1.200 waren unter 65 Jahren. Fast 9.400 der Gesamttodesfälle entfielen auf die Gruppe der 75-Jährigen und Älteren. In der Gesamtstatistik waren mehr Frauen als Männer vertreten, was das RKI auf den höheren Frauenanteil in den ältesten Altersgruppen zurückführte; bei den unter 75-Jährigen starben mehr Männer.
- 85+
- 6300 Todesfälle
- 75-84
- 3100 Todesfälle
- 65-74
- 1900 Todesfälle
- Unter 65
- 1200 Todesfälle
Die regionalen Unterschiede waren ausgeprägt. Pro 100.000 Einwohner verzeichnete das Saarland 43,4 Hitzetote und Rheinland-Pfalz 38,7, verglichen mit einem bundesweiten Durchschnitt von 15. Auch Hessen (27,2) und Baden-Württemberg (23,9) lagen über dem Durchschnitt.
- Saarland
- 43.4 pro 100.000
- Rheinland-Pfalz
- 38.7 pro 100.000
- Hessen
- 27.2 pro 100.000
- Baden-Württemberg
- 23.9 pro 100.000
- Deutschland (Durchschnitt)
- 15 pro 100.000
Wie die Zahlen berechnet werden
Da Ärzte Hitze auf Totenscheinen selten als Todesursache angeben, ermittelt das RKI seine Zahlen durch statistische Modelle, die die Sterblichkeit in heißen und nicht heißen Sommerwochen vergleichen. Dabei werden Sterbedaten des Statistischen Bundesamtes und Wetterdaten von 52 Stationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) herangezogen. Hitzebedingte Sterblichkeit wird in der Regel sichtbar, wenn die wöchentliche Durchschnittstemperatur 20 °C übersteigt. In der Woche vom 27. Juli bis 2. August lag der bundesweite Wochenmittelwert bei 21,6 °C, wobei 13 der 16 deutschen Bundesländer über der 20-Grad-Schwelle lagen.
Politische Reaktion
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) erneuerte seine Forderung nach einer Verfassungsänderung, um dem Bund mehr Kompetenzen im Hitzeschutz zu geben. Er sagte im ARD-Morgenmagazin, dass er den Kommunen zwar in Einzelfällen helfen könne, etwa durch die Finanzierung von Klimaanpassungsmanagern, Maßnahmen wie die Schaffung von Schattenflächen oder die Entsiegelung städtischer Flächen aber derzeit verfassungsrechtlich nicht möglich seien. Schneider schlug eine Gemeinschaftsaufgabe zwischen Bund und Ländern vor, die eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag erfordert. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht die Prüfung einer solchen Maßnahme bereits vor, doch Schneiders Vorschlag stößt in der Union auf Skepsis. Er will in der zweiten Jahreshälfte einen formellen Vorschlag vorlegen.
Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, kritisierte die Untätigkeit der Regierung in der Rheinischen Post:
Fast 10.000 Hitzetote nach einer einzigen Juniwoche sind kein Warnschuss mehr. Der Notstand ist bereits eingetroffen.
Sie sagte, das Thema verschwinde regelmäßig von der politischen Agenda, sobald die Temperaturen im Herbst sinken, und nannte die hohe Zahl der Todesopfer „erschreckend, aber leider nicht wirklich überraschend".


