Ein Pariser Gericht hat den Baustoffkonzern Lafarge und acht ehemalige Mitarbeiter wegen der Finanzierung von terroristischen Gruppierungen schuldig gesprochen. Es ist das erste Mal in der französischen Rechtsgeschichte, dass ein Unternehmen in einem solchen Verfahren verurteilt wurde. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Bruno Lafont erhielt eine sechsjährige Haftstrafe sowie eine Geldbuße in Höhe von 500.000 Euro.
Historisches Urteil
Erstmals wurde ein Unternehmen in Frankreich wegen der Finanzierung des Terrorismus verurteilt.
Haftstrafen für Führungskräfte
Ex-CEO Bruno Lafont muss für sechs Jahre ins Gefängnis; weitere sieben Mitarbeiter wurden ebenfalls verurteilt.
Finanzielle Sanktionen
Lafarge muss insgesamt knapp 5,7 Millionen Euro an Strafen zahlen, was etwa der Summe der geleisteten Terrorzahlungen entspricht.
Ein Pariser Gericht hat am Montag den französischen Zementhersteller Lafarge und acht ehemalige Mitarbeiter der Terrorfinanzierung schuldig gesprochen. Damit wurde in Frankreich erstmals ein Unternehmen aufgrund solcher Vorwürfe verurteilt. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Bruno Lafont wurde zu sechs Jahren Haft und einer Geldstrafe von 500.000 Euro verurteilt, während der ehemalige stellvertretende Vorstandsvorsitzende Christian Herrault eine fünfjährige Haftstrafe mit sofortigem Haftantritt erhielt. Das Gericht stellte fest, dass Lafarge zwischen 2013 und September 2014 rund 5,6 Millionen Euro an dschihadistische Gruppen zahlte, darunter der Islamische Staat und die al-Nusra-Front, um den Betrieb des Zementwerks Jalabiya im Norden Syriens aufrechtzuerhalten. Lafarge, heute Teil der Schweizer Holcim Group, wurde zur Zahlung einer Geldstrafe von 1,125 Millionen Euro wegen Terrorfinanzierung verurteilt – das gesetzliche Höchstmaß. Zudem wurde gemeinsam mit vier ehemaligen Führungskräften eine Zollstrafe in Höhe von 4,57 Millionen Euro wegen Verstößen gegen internationale Finanzsanktionen verhängt.
Richterin spricht von „kommerzieller Partnerschaft“ mit dem IS Die vorsitzende Richterin Isabelle Prévost-Desprez begründete das Urteil mit deutlichen Worten über die Art der Transaktionen. Sie erklärte, die Zahlungen hätten es den Dschihadisten ermöglicht, Terroranschläge vorzubereiten, darunter auch jene, die im Januar 2015 in Frankreich verübt wurden. „Für das Gericht steht fest, dass das einzige Ziel der Finanzierung einer terroristischen Organisation darin bestand, die syrische Fabrik aus wirtschaftlichen Gründen in Betrieb zu halten. Die Zahlungen an terroristische Einheiten ermöglichten es Lafarge, seine Geschäftstätigkeit fortzusetzen.” — Isabelle Prévost-Desprez via Publico Das Gericht stellte fest, dass mehr als 800.000 Euro gezahlt wurden, um Mitarbeitern sicheres Geleit über den Euphrat zur Fabrik zu garantieren. Weitere 1,6 Millionen Euro flossen in den Kauf von Rohstoffen aus Steinbrüchen, die unter der Kontrolle des IS standen. Sieben weitere ehemalige Lafarge-Führungskräfte erhielten Haftstrafen zwischen 18 Monaten und sieben Jahren. Die Verteidigung kündigte laut L'Opinion an, Berufung einzulegen, und bezeichnete das Urteil als „unverhältnismäßig“. Anwälte der ehemaligen syrischen Angestellten, die als Nebenkläger auftraten, nannten das Urteil hingegen einen „wesentlichen Meilenstein im Kampf gegen die Straffreiheit multinationaler Konzerne in Konfliktgebieten“.
Fabrik für 680 Millionen Dollar erworben, Rivalen zogen sich Jahre zuvor zurück Lafarge hatte das Werk in Jalabiya im Jahr 2008 für rund 680 Millionen Dollar erworben und den Betrieb 2010 aufgenommen – nur wenige Monate vor Ausbruch des Bürgerkriegs Anfang 2011. Während sich die meisten multinationalen Konzerne bis 2012 aus Syrien zurückgezogen hatten – darunter der französische Ölkonzern Total bereits 2011 –, entschied sich Lafarge, die syrische Belegschaft vor Ort zu lassen, nachdem lediglich die ausländischen Mitarbeiter evakuiert worden waren. Die Unternehmensleitung gab laut Berichten von El Mundo die Anweisung, die Fabrik um jeden Preis weiterzubetreiben, um den Verlust der erheblichen Investition zu vermeiden. Die Zahlungen an dschihadistische Gruppen erfolgten über die syrische Tochtergesellschaft Lafarge Cement Syria, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gelder über Vermittler sowie direkt an bewaffnete Gruppen leitete. Das Gericht betonte, dass die Finanzierung nicht zufällig erfolgte, sondern eine bewusste kommerzielle Vereinbarung darstellte, welche Organisationen stärkte, die zeitgleich Massenmorde, Folter und Versklavung in den von ihnen kontrollierten Gebieten begingen.
Die Affäre Lafarge belastet den Ruf des Unternehmens seit mehr als einem Jahrzehnt. Lafarge wurde 1833 gegründet und gehört zu den weltweit größten Zementherstellern. 2015 fusionierte das Unternehmen mit der Schweizer Holcim zur LafargeHolcim, die später in Holcim Group umbenannt wurde. Bereits vor dem französischen Urteil hatte sich Lafarge im Jahr 2022 in einem Verfahren in den Vereinigten Staaten schuldig bekannt. Dabei gab das Unternehmen zu, dass seine syrische Tochtergesellschaft zwischen 2013 und 2015 sechs Millionen Dollar an den Islamischen Staat und die Nusra-Front gezahlt hatte, damit Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten militante Kontrollpunkte passieren konnten.
Aufschlüsselung der Lafarge-Zahlungen in Syrien: Gebühren für freies Geleit (before: Zweck: Zugang der Mitarbeiter über den Euphrat, after: Über 800.000 Euro gezahlt); Rohstoffeinkäufe (before: Steinbrüche unter IS-Kontrolle, after: 1,6 Millionen Euro gezahlt); Gesamtsumme Terrorfinanzierung (before: Zahlungen an IS, al-Nusra-Front und andere, after: Rund 5,6 Millionen Euro)
Geldstrafen bleiben hinter Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück Die Staatsanwaltschaft hatte nicht nur die Geldstrafe von 1,13 Millionen Euro gefordert, sondern auch die Einziehung von Vermögenswerten im Wert von 30 Millionen Euro – die nach französischem Recht zulässige Höchststrafe für ein Unternehmen. Diesem Antrag entsprach das Gericht nicht in vollem Umfang. Die Strafe wegen Terrorfinanzierung in Höhe von 1,125 Millionen Euro beläuft sich zusammen mit der Zollstrafe von 4,57 Millionen Euro auf eine finanzielle Gesamthaftung von knapp 5,7 Millionen Euro. Dieser Betrag entspricht in etwa der Summe, welche das Unternehmen an die dschihadistischen Gruppen gezahlt hatte. Die Holcim Group und Lafarge gaben laut Medienberichten unmittelbar nach dem Urteil keine öffentliche Stellungnahme ab. Der Fall stieß europaweit auf großes Interesse als Testlauf dafür, ob Unternehmen strafrechtlich für die Finanzierung terroristischer Organisationen in Konfliktgebieten zur Verantwortung gezogen werden können. Die Verurteilung schafft einen Präzedenzfall in Frankreich und könnte beeinflussen, wie Strafverfolger in anderen Ländern gegen Multinationale in Kriegsregionen vorgehen.
Fall Lafarge Syrien – Wichtige Daten: — ; — ; — ; — ; — ; —
Mentioned People
- Bruno Lafont — Dyrektor generalny Lafarge w latach 2006–2015
- Isabelle Prévost-Desprez — Przewodnicząca sędzia Paryskiego Trybunału Karnego
- Christian Herrault — Były wiceprezes Lafarge
Sources: 24 articles
- Le cimentier français Lafarge condamné pour financement du terrorisme en Syrie (Courrier international)
- Lafarge, condenada por financiar al EI y atentados en Europa (Deutsche Welle)
- Frankreich: Lafarge wegen Terrorismusfinanzierung in Syrien verurteilt (Handelsblatt)
- French court fines Lafarge, hands ex-CEO jail term for funding IS in Syria (RFI)
- Anklage: Zementhersteller Lafarge wegen Terrorismusfinanzierung in Syrien verurteilt (Handelsblatt)
- L'ex-PDG de Lafarge incarcéré pour financement du terrorisme en Syrie (Mediapart)
- Schutzgelder für Islamisten: Zementhersteller Lafarge zu Millionenstrafe verurteilt (N-tv)
- Francia: Lafarge (Holcim) reo di finanziamento terrorismo in Siria (SWI swissinfo.ch)
- Frans cementbedrijf Lafarge schuldig aan financieren terrorisme, ex-CEO moet 6 jaar naar de cel | VRT NWS Nieuws (vrtnws.be)
- Cimenteira Lafarge considerada culpada de financiar jihadistas na Síria (Publico)