Die Behörden in Moskau haben beschlossen, das Museum für die Geschichte des Gulag vollständig in eine neue, den NS-Verbrechen gewidmete Institution umzuwandeln. Die Einrichtung, die ein Vierteljahrhundert lang das stalinistische System der Konzentrationslager dokumentierte, wird nun als Museum der Erinnerung fungieren. Experten interpretieren diesen Schritt als eine weitere Etappe in der Geschichtspolitik des Kreml, die darauf abzielt, die Debatte über innere Repressionen in der Sowjetunion zugunsten einer Erzählung über den Großen Vaterländischen Krieg zu ersticken.

Auslöschung der Erinnerung an den Stalinismus

Das Museum, das das System der Gulags dokumentierte, wird in seiner bisherigen Form endgültig geschlossen und beendet damit die Phase der offenen Erinnerung an die Opfer des Terrors.

Neues Bildungsprofil

Die Einrichtung wird sich auf NS-Verbrechen und den Völkermord am sowjetischen Volk konzentrieren und die patriotische Erziehung der Jugend fördern.

Politik des Kreml

Diese Maßnahme fügt sich in die Strategie Wladimir Putins ein, die darauf abzielt, die Erinnerung an innere Repressionen zu marginalisieren.

Die Entscheidung zur Neuausrichtung des Museums für die Geschichte des Gulag markiert einen Wendepunkt in der russischen Erinnerungspolitik. Die 2001 gegründete Institution, die bisher akribisch das Schicksal von Millionen Häftlingen des Gulag dokumentierte, wird nun dem "Völkermord am sowjetischen Volk" durch das Dritte Reich gewidmet sein. Offiziellen Mitteilungen zufolge soll die Einrichtung nun der "patriotischen Erziehung der jungen Generation" dienen. Kritiker des Regimes weisen darauf hin, dass es sich um eine gezielte Maßnahme handelt, um die Figur Josef Stalins zu beschönigen und die Spuren kommunistischer Verbrechen zu verwischen. In den letzten Jahren hat Russland systematisch die Tätigkeit von Organisationen eingeschränkt, die sich mit der Erforschung der Verbrechen des Stalinismus befassen, wofür die Auflösung der Gesellschaft Memorial im Jahr 2021 ein Symbol war. Die Profiländerung des Museums erfolgt zu einem Zeitpunkt, da Wladimir Putin zunehmend Wert darauf legt, die Gesellschaft um den Kult des Sieges über den Faschismus zu einen. Die neue Ausstellung soll sich auf das Leiden der Zivilbevölkerung während der deutschen Besatzung konzentrieren, was nach Ansicht von Historikern die Aufmerksamkeit vom inneren Terror ablenken soll, der das Leben von Millionen Bürgern der UdSSR forderte. Die Einrichtung, die seit dem Herbst des vergangenen Jahres unter dem Vorwand von "Verstößen gegen Brandschutzvorschriften" geschlossen blieb, wird nicht zu ihrer ursprünglichen Mission zurückkehren. Sie wird durch Programme ersetzt, die der derzeitigen ideologischen Linie des Staates entsprechen. „Die Nutzung des Ausstellungsraums wird geändert, um dem Gedenken an die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk und der historischen Bildung junger Generationen zu dienen.” — Kommuniqué des Museums Viele Beobachter sehen darin einen endgültigen Sieg der Politik des Vergessens über die Pflicht zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Das Museum für die Geschichte des Gulag war eine der letzten bedeutenden staatlichen Institutionen in Russland, die offen über die dunklen Seiten der sowjetischen Geschichte sprach. Derzeit ist der Aufbau von Nationalstolz eine Priorität des Kreml, was nach Ansicht der Behörden die Darstellung tragischer Fehler des vorherigen Systems ausschließt. Dieser Prozess fügt sich in den weiteren Kontext des historischen Revisionismus ein, der zum Fundament der modernen Identität des russischen Staatswesens wird.

Mentioned People

  • Władimir Putin — Präsident Russlands, unter dessen Herrschaft eine Revision der Geschichtspolitik erfolgt.
  • Józef Stalin — Diktator der Sowjetunion, Schöpfer des Gulag-Systems.